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Misserfolge : Absturz von ganz oben

Ständig droht der tiefe Fall. Bild: istockphoto

Scheitern ist das große Tabu unserer Zeit. Dabei gehört der Misserfolg zum Leben dazu. Aber nicht jeder bringt die Kraft auf, nach der Niederlage wieder hochzukommen.

          Der Superstar hält sich die Fäuste vor den Mund. In seinen aufgerissenen Augen liegt das Entsetzen über den eigenen Fehltritt. Dann verbirgt er das Gesicht unter seinem Trikot. Wenig später heult er hemmungslos. Bastian Schweinsteiger vergibt im Champions-League-Finale 2012 gegen den FC Chelsea den entscheidenden Elfmeter. Vor einem Millionenpublikum wird er zum Totalversager. Dass sich seine Geschichte ein Jahr später dreht, konnte er in diesem Moment des Absturzes noch nicht wissen. Da weiß er nur: Er ist gescheitert. Gnadenloser, erniedrigender und vor allem unzweifelhafter als im Moment eines verschossenen Elfmeters kann einer kaum scheitern.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Solche Bilder des Scheiterns brennen sich Millionen Menschen ins Gedächtnis. Es gibt andere, weniger theatralische wie die des Verteidigungsministers Thomas de Maizière, der derzeit um sein politisches Überleben kämpft. Angetreten als sachlicher Reformer eines als nahezu unregierbar geltenden Ministeriums zeigt das Debakel um die Aufklärungsdrohne Euro Hawk, dass selbst der so geschätzte Minister den ganzen Laden nicht im Griff hat. Jeder weiß: Kommt ein einziger Vermerk zum Vorschein, der ihn eindeutig der Lüge überführt, ist er weg. Aber noch sind die Konsequenzen seines Scheiterns nicht verhandelt.

          Gerhard Cromme, Jahrgang 1943, Stahl-Manager, Ober-Strippenzieher. Im Frühjahr 2013 Rücktritt als Aufsichtsratschef von Thyssen.

          Da ist noch ein drittes Bild: das des hochgewachsenen Vorzeigemanagers Gerhard Cromme. Mitte Januar bellt er, damals Noch-Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp, auf der Hauptversammlung einen der kritischen Aktionäre an. Vor knapp 4000 Anteilseignern und so ganz anders, als es sonst seine Art ist. Aufgrund milliardenschwerer Fehlinvestitionen ist Cromme angezählt, sein Ausbruch auf der Hauptversammlung markiert das beginnende Finale seines Scheiterns. Er weiß es, alle wissen es. Wenig später wird er zurücktreten. Dabei war er angetreten, den großen Berthold Beitz zu beerben, den Vorsitzenden der Krupp-Stiftung, dem der letzte Krupp vor seinem Tod den Konzern so sehr ans Herz gelegt hatte.

          Scheitern ist das große Thema unserer Zeit. Und ein großes Tabu. Im Leben ist es nicht vorgesehen. Im Fußball könnte es ja noch Sinn ergeben. Denn die Niederlage des Schützen ist der Sieg des Torwarts. Fußball ist ein Spiel. Das Leben nicht. Hier gibt es am Ende nicht unbedingt einen Sieger. Das macht das Scheitern so unerträglich, für die, die es betrifft, und jene, die dabei zuschauen.

          Uli Hoeneß, Jahrgang 1052, Metzgersohn, Weltmeister, Fußball-Manager. Anfang des Jahres 2013 Selbstanzeige wegen hinterzogener Steuern.

          Dabei drängt sich uns die Zerstörung immer wieder auf. Da sind die Pleitiers, die überschuldeten Zocker an der Börse, die arbeitslosen Akademiker, die entlassenen Trainer. Es sind verlassene Lebenspartner, verzweifelte Eltern fehlgeleiteter Kinder, Politiker, nicht nur überhebliche, sondern unter ihnen auch so manch tragische Figur. Scheitern kann viele Formen annehmen. Es kann eine Katastrophe sein, das Abweichen vom Plan, die Verfehlung von Zielen, die Enttäuschung von Menschen. Scheitern kann man absolut und graduell. Letzteres ist der Normalfall, der Menschen immer wieder dazu bringt, ihre Ziele und Pläne zu überdenken. Graduelles Scheitern ist der stete Agent des Wandels. Es macht Verbesserung überhaupt erst möglich.

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