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Michael Groß im Gespräch : Wann wird Home-Office zur Selbstausbeutung?

Michael Groß war Schwimmstar und ist heute Personalberater und Coach. Bild: Klein, Nora

Michael Groß wurde mehrmals Weltmeister und Olympiasieger im Schwimmen. Da ging es für ihn um Hundertstelsekunden. Heute ist er Personalberater und Coach. Und schon wieder treibt ihn das Thema Zeiterfassung um. Aber ganz anders als damals.

          Zeiterfassung galt früher als etwas Beschränkendes, jetzt scheint sie erstrebenswert geworden zu sein. Was ist da passiert?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Da muss man erstmal zwischen den verschiedenen Branchen und Berufen unterscheiden. Da gibt es kein Schwarz-Weiß mehr. Ein Beispiel: Wo es wohl auch noch in 50 bis 100 Jahren Zeiterfassung geben wird und geben muss, das ist die Luftfahrt. Da ist man ja darauf angewiesen, dass das ganze Team zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Bei Flugkapitänen etwa ist die Zeiterfassung minutengenau. Die nennen das „Off Block - on Block“, das heißt: Ab dem Ablegen vom Gate bis zum Ankommen am Gate gilt deren Arbeitszeit. Es gibt aber auch noch viele andere Beispiele, wo in sehr verantwortungsvollen Dienstleistungsberufen die Zeiterfassung nach wie vor wichtig sein wird. Krankenhäuser zählen auch dazu.

          Aber es gibt doch auch genau das Gegenteil davon!

          Ja, genau. Start-ups zum Beispiel. Junge Unternehmen, wo in virtuellen Teams darauf vertraut wird, dass alle am gleichen Strang ziehen, aber unabhängig voneinander arbeiten und Ergebnisse liefern. Also etwa Programmierer. Und da findet heutzutage überhaupt keine Zeiterfassung statt. Das ist eine komplette Vertrauensarbeitszeit. Das sind quasi die zwei Pole, die Extreme, die es auch in Zukunft geben wird. Und dazwischen kommt jetzt noch eine riesige Grauzone.

          Haben Sie dafür auch ein Beispiel?

          Neulich sprach ich mit Vertretern eines Regionalen Energieversorgers, wo jetzt eine Betriebsvereinbarung zu Home Office eingeführt wird und in Teilbereichen Vertrauensarbeitszeit. Und jetzt passiert es, dass dort plötzlich junge Mütter oder Väter, die Teilzeitjobs und Home Office haben, anfangen, nachts um 11 zu arbeiten. Die Frage ist: Wann geht das in Richtung Selbstausbeutung? Hinzu kommt: Laut Arbeitszeitgesetz dürfen diese Leute dann am nächsten Tag erst wieder am späten Vormittag arbeiten – wegen den vorgeschriebenen Ruhephasen.

          Was die Selbstausbeutung betrifft – Eltern würden sicherlich argumentieren, dass ihnen das E-Mails-Schreiben um Mitternacht ermöglicht, den Nachmittag mit ihren Kindern zu verbringen…

          Ja genau. Es geht da einfach um die Summe der gesamten Arbeitsstunden.

          Und mobiles Arbeiten, Home Office und Vertrauensarbeitszeit führen dazu, dass diese Summe ungesund groß wid?

          Könnte sein, weiß ich aber nicht genau. Wir haben deswegen kürzlich zusammen mit dem Center for Leadership and Behavior in Organizations der Frankfurter Goethe Uni eine Umfrage dazu gemacht. Wir hoffen, dass wir damit ein bisschen mehr darüber erfahren, was in der Praxis eigentlich los ist. Es wird unwahrscheinlich viel spekuliert, aber es gibt zu wenig Daten.

          Stecken auch die Chefs dahinter, wenn Leute im Home Office zu viel arbeiten?

          Natürlich gibt es auch das Thema Fremdausbeutung. Es gibt ja zum Beispiel leider immer noch viele Führungskräfte, die am Wochenende E-Mails verschicken. Wenn Mitarbeiter sich dann sehr mit ihrem Job identifizieren, dann fangen sie natürlich an, am Wochenende darüber nachzudenken.

          Wie lässt sich das lösen?

          Die Führungskräfte sind die Spinne im Netz. Die können sowohl die Fremdausbeutung eindämmen als auch ein Augenmerk legen auf das Thema Selbstausbeutung. Sie müssen ihre Mitarbeiter beobachten und schon mal sagen: „Von dir kam gestern um 23 Uhr eine E-Mail, darüber möchte ich mich mit dir unterhalten.

          Und sollen die Chefs selbst ein bestimmtes Verhalten vorleben?

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