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Helfende Berufe : Soziale Selbstausbeuter

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Soziale Berufe: Vergessen die Helfenden manchmal sich selbst? Im Bild: Eine Erzieherin in einer Kita in Rheinland-Pfalz. Bild: dpa

Pädagoginnen, Erzieherinnen, Flüchtlingshelferinnen: Wer sich um andere kümmert, vergisst oft sich selbst. Die Caritas will deshalb gezielt Frauen fördern. Aber reicht das, um aus „guten Müttern“ Führungskräfte zu machen?

          Der soziale Sektor in Deutschland wächst. Und er hat ein Personalproblem. Immer mehr Alte und Kranke müssen in Heimen versorgt werden. Flüchtlingshelfer fehlen. Kommunen suchen Erzieherinnen. Eigentlich wären das paradiesische Berufsperspektiven für Einsteiger, Umsteiger und Aufsteiger. In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen jedoch die Klagen: Kita-Mitarbeiterinnen streiken, Sozialpädagogen haben laut einer AOK-Studie das größte Burnout-Risiko. Die Gewerkschaft Verdi streitet gerade mit dem Deutschen Roten Kreuz um 6 Prozent mehr Geld. An der Basis herrscht also eher Frust statt Arbeitslust. Woher kommt das?

          Maria Grace Krause, eine ehemalige Beschäftigte einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen, fand es anfangs erfüllend, sich um Bedürftige kümmern zu dürfen. Bald folgte die Ernüchterung. Auf „Criminologia“, einem Blog von Lehrenden und Studierenden des Instituts für kriminologische Sozialforschung (IKS) der Universität Hamburg, beschreibt sie ihren Berufsalltag: „Wenn ich abends zur Arbeit kam, las ich im Übergabebuch regelmäßig eine lange Ansammlung von Beschwerden und Anschuldigungen, die oft an bestimmte Leute adressiert waren (,Boss, kannst du X sagen, sie soll nicht immer auf unserem Parkplatz parken. Y, warum hast du gestern keine Milch gekauft?‘). Die Nachtwachensitzungen wurden zu überlangen Standpauken, in denen wir inbrünstig angehalten wurden, die Zahnputzbecher besser zu säubern und das Bereitschaftszimmer ordentlich zu halten. Oft waren diese Reden mit herablassenden Appellen an unsere Vernunft verbunden (’Wir wollen doch alle, dass es hier nett ist, oder?)’.“ Klingt, als seien die Mitarbeiter hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich gegenseitig zu erziehen, statt sich auf die körperlich anstrengende Arbeit mit Behinderten zu konzentrieren.

          Was sich wie ein Horrormärchen liest, ist kein Einzelfall. Im Sozialsektor wird praktiziert, was in anderen Branchen schwer möglich wäre: Nicht die Leistung wird primär beurteilt, sondern „der Mensch“ als Ganzes scheint aus der Sicht vieler Chefs ein tadelnswertes Mangelwesen zu sein, das der kontinuierlichen Selbstoptimierung durch Ratschläge von oben bedarf. Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer hat in seinem Bestseller „Die hilflosen Helfer“ schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass sich in den sozialen Berufen viele Menschen mit Neurosen und auch eine Menge Selbstverbrenner tummeln. Schützen kann man sich vor solchen toxischen Führungskräften nur, wenn man sich gegen übergriffige Kommentare abgrenzen kann und sich notfalls ein Coaching organisiert.

          Kaum Weiterbildungen

          Die Diplompädagogin Stefanie Vogel beklagt eine mangelnde fachliche Unterstützung: „Wer Kunde einer sozialen Einrichtung ist, wird auch (meist) dementsprechend behandelt. Er bekommt Pflege, erhält sozialpädagogische Unterstützung oder arbeitsmarktrelevante Weiterbildungen. Wäre die Einrichtung auch sozial zu ihren Mitarbeitern, müsste sie diesen dieselbe Aufmerksamkeit zukommen lassen.“ Interne Schulungen gäbe es aber fast nie. Dass kaum Weiterbildungen angeboten werden, liegt nicht nur am fehlenden Budget, sondern auch an den Führungskräften selbst. Viele Beschäftigte sperren sich gegen Beratung von außen, da sie aufgrund ihrer Ausbildung als Pädagoginnen oder Sozialarbeiterinnen als „Experten“ für Zwischenmenschliches gelten und jeder Verbesserungsvorschlag in Sachen Personalführung an ihrem Selbstverständnis zu kratzen scheint. Das sorgt dafür, dass Konflikte rasch eskalieren.

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