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Manieren im Berufsalltag : Der Rüpel ist salonfähig

Außer dem Krawattenknoten hat im Arbeitsalltag nicht mehr vieles Stil. Bild: dapd

Gutes Benehmen geht immer mehr verloren. Besonders schlimm sind die Wohlsituierten. Und Manieren haben nur noch jene, von denen man es eigentlich nicht erwartet.

          Höflichkeit, Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, wer solch altmodische Vokabeln buchstabiert, der katapultiert sich in null Komma nix ins vergangene Jahrhundert. Wer sich im Berufsleben einmal umschaut, wie es um stilvollen Umgang miteinander bestellt ist, der kann mitunter trübsinnig werden. Vor allem, wenn er sich vergegenwärtigt, was Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch „Manieren“ betont: „Manieren sind Ausdruck einer inneren Haltung.“ Die Haltung mancher Zeitgenossen mag man sich gar nicht so recht vergegenwärtigen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          So berichtet eine befreundete Steuerberaterin über einen Geschäftstermin. Sie ist in einem Düsseldorfer Café mit zwei Kollegen verabredet. Es regnete in Strömen, sie hat es nicht mehr zum Geldautomaten geschafft, vertraut aber auf die paar Münzen in ihrer Tasche und bestellt vorsichtshalber eine Apfelschorle. Nach dem fachlichen Austausch geht es ans Bezahlen. Insgesamt beträgt die Rechnung 10,60 Euro. Die Schorle kostet 2,80 Euro, die Dame findet aber nur noch 1,60 Euro im Portemonnaie, wie sie verlegen feststellt und dem Kellner anbietet, mit EC-Karte zu zahlen. Der schüttelt unnachgiebig den Kopf: Nein, das gehe nicht. Aha, der Betrag ist zu gering. Ich übernehme die ganze Rechnung, bietet die Frau an, deren Wangen sich langsam unnatürlich röten.

          Der Kellner verneint, wiederum leicht genervt: Kartenzahlung werde leider nicht akzeptiert, das stehe übrigens auch vorn am Lokal. Die Geschäftsfreunde, die man gar nicht mehr Freunde nennen mag, hören sich den erniedrigenden Dialog tatenlos an. Nach quälenden Momenten erbarmt sich der eine Kanzleiinhaber, der sich selbst gern „wohlsituiert“ nennt, und bietet generös an, die fehlenden 1,20 Euro für die Schorle zu übernehmen. Die Münzen der Kollegin lässt er sich zuvor in die Hand zählen. „Mir war das hochnotpeinlich“, sagt die Frau im Nachhinein. Nicht aber den beiden Geizkragen an ihrem Tisch, die ihre zynische und arrogante Vorführung sichtlich genossen haben. „Höflichkeit ist ein entscheidendes Kriterium für gute Zusammenarbeit und hat etwas mit Respekt zu tun“, erklärt die Karriereexpertin Doris Brenner. „Aber der geht verloren. Das hängt mit dem Thema Schnelligkeit und wachsendem Druck zusammen“, beobachtet die Personalberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet mit Bedauern.

          Randgruppen sind hilfsbereiter

          Einen klassischen Schauplatz, um Zeuge schlechten Benehmens zu werden, bieten Züge. Nicht nur beim Rein- oder Rausdrängeln, gern auch beim lautstarken, detailfreudigen, öffentlichen Telefonieren - Ruheabteil hin, Ruheabteil her - oder beim Kofferwuchten. Nämlich dann, wenn es zu Szenen wie folgender kommt: Im ICE zwischen Frankfurt und München zuckelt eine hochbetagte Dame mit einem sperrigen Trolley durch die Reihen, ratlos steht sie vor ihrem Platz und hat Not, ihren Koffer auf die Ablage zu hieven. Manche Männer sind so in ihre Tablet-Tabellen versunken, dass sie das nicht mitbekommen oder nicht mitbekommen wollen. Andere starren angestrengt aus dem Fenster. Nicht selten sind es junge Frauen mit Kindern oder wild tätowierte, türkischstämmige Männer, die dann beim Kofferverladen wie selbstverständlich mitanpacken.

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