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Fachkräftemangel gut für Lehrlinge : Die Kautschuk-Industrie gibt Gummi

Ein Mitarbeiter des Kautschukherstellers Styron Deutschland GmbH kontrolliert eine Kautschuk-Produktionslinie. Bild: dapd

Industrie und Wirtschaft beklagen flächendeckend den Fachkräftemangel. Nun zeigt ein Pakt in einer eigentlich kleinen Branche die Richtung künftiger Tarif- und Ausbildungspolitik.

          Die deutsche Kautschukindustrie wirtschaftet aus dem Blickwinkel der breiten Öffentlichkeit ein wenig im Schatten großer Nachbarbranchen - hier der Chemie-, dort der Autoindustrie. Mit 75.000 Beschäftigten hat sie nur einen Bruchteil des politischen und wirtschaftlichen Gewichts, und überdies denken viele Menschen dabei an stinkende Gummifabriken. Genau deswegen bereiten sich die Kautschukunternehmen - die außer stinkendem Gummi auch allerhand Hochtechnologie produzieren - besonders aufmerksam auf den Wettbewerb um knappe Fachkräfte vor.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ein Ergebnis ist nun ein bemerkenswerter Tarifabschluss zwischen dem Arbeitgeberverband der deutschen Kautschukindustrie (ADK) und der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Denn neben den üblichen Lohnerhöhungen - 3,3 Prozent für dieses, 2,8 Prozent nächstes Jahr - enthält er ein ganzes Paket von Antworten auf den Fachkräftemangel und den demographischen Wandel. „Das hat Strahlkraft über die Kautschukindustrie hinaus“, zeigt sich Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands, begeistert. „Dieser Vertrag schlägt ein neues Kapitel der Tarifpartnerschaft in Deutschland auf.“

          Das Paket enthält etwa eine Unterstützungsprämie von 5000 Euro für Betriebe, die Hauptschulabgänger direkt auf einen Ausbildungsplatz übernehmen. Zugleich werden die Ausbildungsvergütungen direkt um 7 Prozent, also stark überproportional, erhöht. Und auf der anderen Seite dürfen ältere Mitarbeiter ihre Wochenarbeitszeit vom 63. Geburtstag an um vier Stunden verringern, zwei davon bezahlt der Arbeitgeber trotzdem weiter. Damit, so die Idee, bleibt mancher - vielleicht sogar trotz der neuen Rente mit 63 - länger im Beruf, und das gesund und leistungsfähig. „Das ist ein guter und wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer altersgerechten Arbeitswelt“, lobt Peter Hausmann, Vorstandsmitglied der IG BCE.

          Mehr Geld für Auszubildende

          Zwar ragt dieser Pakt aus dem Routinegeschäft von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden heraus, er steht aber zugleich für einen Trend: Wo sich Tarifpolitik lange damit befasste, älteren Beschäftigten auf diese oder jene Weise einen vorzeitigen Ruhestand zu ermöglichen, geht es nun zunehmend um Kombinationen von Ausdehnung der Lebensarbeitszeit einerseits und Nachwuchswerbung andererseits. Ansätze zeigen sich auch in der Stahlindustrie, ebenso etwa in der Milchindustrie - und vielleicht bald auch in der großen Metall- und Elektroindustrie.

          Ein Gradmesser sind die Ausbildungsvergütungen: Wo sie in der Vergangenheit in Tarifrunden eine Rolle spielten, ging es jedenfalls Arbeitgebern meist um Kostensenkung. Wer mehr junge Menschen in Ausbildung bringen wolle, müsse diese für die Betriebe billiger machen, lautete das Credo. Ein ums andere Mal wurde in Tarifrunden um eine Senkung von Ausbildungsvergütungen gefeilscht; und falls nicht, dann stiegen diese ohne Aufhebens im Gleichschritt mit den Löhnen.

          Nun rollt der Zug in die andere Richtung. Ähnlich wie im Fall Kautschuk sieht auch der jüngste Tarifabschluss der IG Metall für die Stahlindustrie eine überproportionale Anhebung der Ausbildungsvergütungen vor: Sie steigen einheitlich für alle, ob im ersten oder vierten Lehrjahr um 36 Euro im Monat. Für das erste Lehrjahr ist das rückwirkend zum 1. Juli ein Plus von 4,5 Prozent auf 834 Euro im Monat. In der Milchindustrie vereinbarten Arbeitgeber und Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) eine Erhöhung der Ausbildungsvergütungen um 50 Euro im Monat, was bis zu 7,5 Prozent entspricht. Und für Lehrlinge der Systemgastronomie erreichte die NGG soeben eine Erhöhung um 90 Euro im Monat und damit sogar deutlich mehr als 10 Prozent.

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