https://www.faz.net/-gyl-7sp7y

Fachkräftemangel gut für Lehrlinge : Die Kautschuk-Industrie gibt Gummi

Wettbewerb um die Gunst der Jugendlichen ist voll entbrannt

Das Bundesinstitut für Berufsbildung bestätigt es: Die tariflichen Ausbildungsvergütungen haben sich schon 2013 um durchschnittlich gut 4 Prozent erhöht; im Osten, wo Berufsnachwuchs besonders rar ist, um 5 Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeinen Tariferhöhungen für Arbeitnehmer lagen 2013 bei durchschnittlich 2,7 Prozent. Der Wettbewerb der Branchen um die Gunst der Jugendlichen ist voll entbrannt. Schon etwas länger nimmt Tarifpolitik den allmählich steigenden Altersdurchschnitt der Belegschaften in den Blick. Den ersten sogenannten Demographie-Tarifvertrag schlossen IG Metall und Arbeitgeber 2006 in der Stahlindustrie.

Allerdings wurden damals Vereinbarungen zugunsten gesundheitsfördernder, altersgerechter Arbeitsbedingungen in den Betrieben noch mit neuen Optionen für vorgezogenen Ruhestand kombiniert - getreu der gewerkschaftlichen Lesart, dass damit die steigende Zahl älterer Arbeitnehmer am besten zu entlasten sei. Die Chemie-Tarifparteien gingen 2008 weiter und schlossen einen Pakt, durch den sogenannte Demographiefonds in den Betrieben eingerichtet wurden; daraus können nun, je nach Interessenlage im Betrieb, wahlweise Altersteilzeit, aber auch Weiterbildung, Berufsunfähigkeitsversicherungen oder eine ergänzende Altersvorsorge für die Belegschaft finanziert werden.

Verdi und die Deutsche Post vereinbarten 2011 mit dem Titel „Generationenvertrag“ ein Modell mit sogenannten Zeitwertkonten, die sich einerseits für Altersteilzeit nutzen lassen, andererseits aber auch für eine „lebensphasenorientierte Arbeitszeit“ - etwa wenn Mitarbeiter vorübergehend für die Familie oder die Pflege von Angehörigen im Beruf kürzertreten wollen. Die Chemie-Tarifparteien ergänzten ihren Demographiepakt später um eine Klausel, wonach Firmen die reguläre Wochenarbeitszeit im Einvernehmen mit den Betriebsräten von 37,5 auf bis zu 40 Stunden verlängern können, falls ihnen Fachkräftemangel Probleme macht.

Neuer Prüfstein für die Politik

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Wechselwirkungen zwischen Demographie und Tarifpolitik jüngst ausführlich untersucht. Eine der Herausforderungen für Betriebe und Tarifpolitik sei es, „die Austauschbarkeit zwischen den verschiedenen Alterskohorten zu verbessern“, fasst Autor Hagen Lesch die Erkenntnisse zusammen. Kurz gesagt: Wenn sich im Betrieb für bestimmte Aufgaben kein Berufsnachwuchs mehr findet, müssten ältere Beschäftigte leichter dafür eingesetzt werden können.

Bisher stünden dem in vielen Tarifverträgen Sonderrechte für Ältere entgegen: etwa der „Abgruppierungsschutz“ - einmal erreichte Lohngruppen dürfen nicht mehr unterschritten werden - oder ein erweiterter Kündigungsschutz. „Besser wäre es, solche Rechte nicht mehr an die Dauer der Betriebszugehörigkeit zu knüpfen, sondern sie eher im Gegenzug für Weiterbildung zu gewähren“, urteilt Lesch. Denn Weiterbildung für ältere Mitarbeiter werde vor allem dann attraktiver, wenn beide Seiten mehr Sicherheit hätten, dass sich die Investition in die Weiterbildung anschließend auch für eine ausreichend lange Beschäftigungsdauer lohnt. Daneben gehören nach Leschs Analyse längere Wochenarbeitszeiten auf die Tagesordnung, jedenfalls für größere Teile der Belegschaften. „Wenn qualifiziertes Personal knapper wird, ältere Beschäftigte durch kürzere Wochenarbeitszeiten entlastet werden und zugleich mehr Arbeitnehmer Weiterbildung machen sollen, dann müssen die anderen mehr arbeiten, wenn die Rechnung am Ende für die Betriebe aufgehen soll.“

Ein neuer Prüfstein für die Tarifpolitik wird zum Jahreswechsel erreicht: Dann will die IG Metall mit den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie über eine Reform der Altersteilzeit und eine neue Bildungsteilzeit verhandeln. Einen Hinweis hatte Gewerkschaftsvize Jörg Hofmann kürzlich dazu schon gegeben: Wo „Altersteilzeit“ bisher meist im sogenannten Blockmodell und damit schlicht für einen vorgezogenen Ruhestand genutzt wird, soll sie künftig häufiger zur echten Teilzeit werden. „Es geht uns ja darum, dass Menschen ihren Beruf möglichst lange entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit ausüben können“, sagte er. Das klingt zumindest im Grundton wie eine Absage an eine Frühverrentungspolitik.

Weitere Themen

Topmeldungen

Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

„Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.