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Langweilige Tagungen : Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Programm war gestern: Henner Knabenreich (rechts) organisiert eine powerpointfreie Konferenz. Bild: Marcus Kaufhold

Powerpoint, Frontalvorträge, Anzug und Krawatte: Die meisten beruflichen Tagungen sind zum Gähnen. Es geht aber auch anders, moderner und interaktiver. Bis hin zum Peinlichkeitsrisiko.

          Das Café Heimathafen in Wiesbaden ist Kaffeebar, Coworkingspace und Veranstaltungs-Location in einem. Hier treffen sich Hipster - das sieht man auf den ersten Blick. An der Werbung für „Chari-Tea“ und „Lemon-Aid“. An der liebevoll beschrifteten Kreidetafel, die statt einer Getränkekarte an der Wand hängt. An den veganen Salaten in Weckgläsern, die Kellner mit runden Tabletts den Gästen als „Flying Buffet“ anbieten.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Oliver Stoisiek von der Deutschen Bank und Holger Hiltmann vom Pharmakonzern Merck stehen draußen und wundern sich. Darüber, dass hier die meisten grüne oder gelbe Limo trinken und keiner Kaffee. Darüber, wie der jeweils andere in Jeans und ohne Krawatte aussieht. Darüber, dass das hier tatsächlich eine berufliche Tagung sein soll, am Freitagabend und obendrein noch mit Band und Karaoke. Vor allem aber wundern sie sich über sich selbst. Denn gerade haben sie sich spontan dazu bereit erklärt, gemeinsam als Gäste in einer fingierten Spielshow aufzutreten. Live. In einer halben Stunde geht es los.

          Lockere Atmosphäre: Oliver Stoisiek und Holger Hiltmann

          Stoisiek und Hiltmann sind Personalmanager in ihrem jeweiligen Unternehmen, beide sind Bereichsleiter und haben vor allem mit dem Thema Berufsausbildung zu tun. Zwei- bis dreimal im Jahr sehen sie sich auf einschlägigen Konferenzen. „Meistens in einem noblen Hotel, in Anzug und Krawatte und mit schickem Dinner“, so beschreibt es Stoisiek. „Hier ist es völlig anders - locker, ungezwungen, es fühlt sich nicht so offiziell an.“ Trotzdem könne man viele spannende Ideen mitnehmen, findet Hiltmann. „Viel mehr vielleicht als von einer Tagung, bei der man stundenlang mit einem Haufen Powerpoint-Vorträgen in einen dunklen Raum gesperrt wird.“

          Genau das ist die Hoffnung des Veranstalters, der „Personaler Late Night Show“, wie die Wiesbadener Konferenz heißt. Henner Knabenreich ist Personalberater und Blogger, hat schon öfter mit ungewöhnlichen Tagungsformaten experimentiert. Viele seiner Ideen hat er sich von Treffen abgeguckt, die eher in der Blogger- und Programmierergemeinde üblich sind. „Mir geht es vor allem darum, dass die Personaler aus ihren Silos hervorkriechen, sich untereinander vernetzen und austauschen“, sagt er. „Das passiert nur ansatzweise auf teuren Konferenzen und Kongressen, auf denen die Teilnehmer dann langweiligen Powerpoint-Schlachten ausgesetzt werden. Der echte Austausch mit Kollegen auf Augenhöhe findet dann eben nur in den Kaffeepausen statt.“ So dreht Knabenreich das Prinzip einfach um: Er macht eine einzige lange Kaffeepause, unterbrochen von einigen wenigen Programmpunkten.

          „Viel Zeit und viele Ressourcen gehen flöten“

          Moderationsexperten hat Knabenreich damit auf seiner Seite. „Tagungen, Konferenzen, Seminare, das alles läuft nach wie vor überwiegend nach dem Prinzip des Frontalunterrichts ab“, sagt der Pädagoge und Kreativitätsforscher Olaf Axel Burow von der Universität Kassel. „Das ist sehr bedauerlich; viel Zeit und viele Ressourcen gehen dabei flöten.“ Burow beschäftigt sich in seiner Forschung vor allem mit Themen der Großgruppenmoderation und weiß: Viele Redner bei Tagungen und Konferenzen sind Führungskräfte, „oftmals mit hohem Selbstdarstellungsbedürfnis“. Und viele erlägen „dem Irrtum, dass sich durch zentrale Beschallung Botschaften rüberbringen lassen“. Dabei gelte: „80 Prozent dessen, was ein frontal Vortragender sagt, nimmt das Publikum gar nicht auf!“

          Knabenreich macht es deshalb ganz anders. Seine Tagungsidee ist unkompliziert: Er veranstaltet eine Mischung aus Talk- und Unterhaltungsshow mit langem Austausch vorher und nachher. Ein Moderator aus dem Rundfunk interviewt die wenigen Redner, die allesamt ihre Ideen zur Gewinnung von Fachkräften in schwierigen Branchen darstellen. Die „Werbepausen“ füllen die Sponsoren der Veranstaltung, die in fünfminütigen Präsentationen ohne elektronische Hilfsmittel ihre Geschäftsmodelle vorstellen. Die Zuschauer stimmen am Ende über den besten Vortrag ab. Zwischendurch spielt eine Band thematisch passende Lieder: „You’re the one that I want“ etwa oder den eigens komponierten Jingle „Fachkräftemangeeeel“. Tusch - der Moderator springt mit Schwung von der Bühne. Einige klatschen, andere wenden sich peinlich berührt ab und murmeln etwas von „Büttenreden“ und „Karneval“.

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