https://www.faz.net/-gyl-9e4bl

Lachen gegen Stress : Bitte recht freundlich

  • -Aktualisiert am

Schnell glaube ich, jene Teilnehmer identifiziert zu haben, die schon länger dabei sind: Sie lachen von Anfang an immer wieder herzhaft und aus vollem Halse laut heraus. Nach jeder Übung klatschen sie begeistert in die Hände, als ob das Team gemeinsam eine tolle Leistung vollbracht hätte und schütten sich dabei wie auf Knopfdruck aus vor Lachen. Dabei wirken sie äußerst gutgelaunt und sehr gelöst. Konfrontiert mit diesen Gefühlsexplosionen sieht dagegen mancher Neuling aus, als ob ihm das Lachen im wahrsten Sinne des Wortes im Halse steckenbleibt, und er gerade mehr Adrenalin auf- als abbaut.

Mit Blick auf das Alter der Lach-Yogis ist die Gruppe gut gemischt; die meisten Anfang bis Mitte 30; die Klosterschwester ist mit Abstand die älteste Teilnehmerin. Nach dem Training frage ich einige Teilnehmer, was sie zum Lachyoga bewogen hat. Eine Frau erzählt etwa, wie ihr Beruf sie vor ein paar Jahren in eine schwere Depression getrieben hat. Als Rumänin blieb ihr mit Mitte 20, als sie nach München kam, aufgrund der zunächst schwachen Sprachkenntnisse nur der Einstieg in die zahlenlastige und deshalb von ihr als trocken empfundene Buchhalterei. Immer wieder landete sie in Abteilungen, in denen ihre bis dahin fröhliche Art auf wenig Gegenliebe stieß. „Wer lacht, kann sich schlecht konzentrieren und macht Fehler, heißt es oft“, sagt sie, „Ich habe mir irgendwann jedes Lächeln verkniffen.“ Erst das Lachyoga und der Kontakt mit anderen Menschen, die sich über ihr Lachen freuen, halfen ihr vor zwei Jahren aus der Schwermut. Lachtrainerin Leisch sagt, genau das sei der Sinn und Zweck ihrer Übungen; überhaupt gehe es in den deutschen Büros viel zu ernst zu: „Ich plädiere dafür, während der Arbeit statt einer Rauchpause eine Lachpause einzuführen.“

Gleich mehrere Teilnehmer scheinen sich Ablenkung und Entspannung vom Arbeitsalltag zu erhoffen. Eine IT-Managerin im Alter von Anfang 30 ist heute zum ersten Mal hier und recht angetan: „Es ist allgemein wichtig, sich mal auf etwas anderes zu konzentrieren als die Arbeit – in diesem Fall auf etwas sehr Schönes, aufs Lachen“.

Lachen macht süchtig

Zu Beginn des Trainings haben wir einen großen Kreis gebildet und stellen uns vor, indem wir einander ein Stofftier zuwerfen. Erst muss der Empfänger seinen Namen preisgeben, in Runde zwei muss sich ihn der Werfer gemerkt haben. Wenn das Geschoss zu Boden geht, sorgt das schon für erste Lacher. Das schafft eine gewisse Vertrautheit und lockert die anfangs meist angespannten Gesichtszüge.

Immer wieder kehren alle nach den einzelnen Übungen in einen Kreis zurück, strecken sich weit in den Himmel, um zur Ruhe zu kommen, und atmen tief ein und wieder aus. Das wiederum kommt der Atemtechnik in Yoga und Pilates tatsächlich sehr nahe. Mein heutiger Arbeitstag war laut und hektisch, fast hätte ich es nicht geschafft, pünktlich zur Lachstunde zu erscheinen. Auf der Fahrt mit dem Fahrrad zum Treffpunkt hat mich zudem ein Taxi fast umgefahren, was meinem inneren Gleichgewicht auch nicht gerade förderlich war. Doch langsam merke ich, wie ich ruhiger werde. Mein breites Lächeln fühlt sich nicht mehr aufgesetzt oder erzwungen an, ich strahle in die Runde. Ich habe das Gefühl, als ob ich nie mehr aufhören könnte, zu grinsen.

Durch das viele Lachen und bewusste Einatmen scheint tatsächlich mehr Sauerstoff durch meine Zellen zu strömen, ich fühle mich erfrischt – wie Trainerin Leisch es zu Beginn der Stunde prophezeit hat. Und auch der Trick, durch das Lachen einen Vagus-Nerv im Gesicht zu stimulieren, um vermehrt Glückshormone auszuschütten, hat wohl geklappt: der Endorphin-Rausch scheint da zu sein. Langsam verstehe ich, warum viele Teilnehmer immer wieder kommen: Sie sind süchtig. Nach einer Droge, die nichts kostet, keine Nebenwirkungen hat und mit der sie auch anderen leicht eine Freude machen können.

Trotzdem: Ich persönlich werde beim richtigen Yoga bleiben, um vom Arbeitsalltag zu entspannen. Mitten in München in einer großen Gruppe mir fremder Menschen laut lachend durch die Gegend zu laufen und beispielsweise mit gereckten Zeigefingern abwechselnd nach oben zu zeigen – damit lasse ich Fremde zu weit in meine intime Distanzzone vordringen, um beim Anthropologen Hall zu bleiben. Doch ich will in Zukunft noch häufiger ganz bewusst lächeln – vor allem im Berufsleben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.