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Inklusion im Berufsleben : Wenn der Chef ein Handicap hat

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Ob behindert oder nicht: In unserer Gesellschaft sollten alle dieselbe Richtung einschlagen können. Das unterstützen Sozialministerium und Behindertenverbände mit verschiedenen Inklusionskampagnen. Bild: dpa

Ein Kurzfilm sorgt derzeit in den sozialen Medien für Begeisterung. Weil er humorvoll zeigt, worum sich die Gesellschaft noch bemüht: einen entspannteren Umgang mit behinderten Kollegen.

          Nervös wartet Thomas Howell auf sein Vorstellungsgespräch in einer renommierten Anwaltskanzlei. Da erscheint ein junger Mann mit Down Syndrom und holt ihn ab. Er stellt sich als sein neuer Vorgesetzter Paul Dexter vor und bittet ihn in sein Büro. Thomas weiß nicht, was er davon halten soll und fragt höflich nach, ob nicht noch jemand anderes zum Gespräch kommt.

          Das verneint Paul und merkt an, dass Thomas eine hässliche Krawatte trägt. Das Gespräch nimmt seinen Lauf und wird immer skurriler – bis es zu einer unerwarteten Wendung kommt. Das ist kurz zusammengefasst der Inhalt des Kurzfilms „Das Vorstellungsgespräch“, das der deutsch-französische Fernsehsender Arte in seiner Rubrik „Kurzschluss“ am 6. Dezember in der Originalversion mit Untertiteln veröffentlicht hat.

          Seitdem verbreitet sich das Video wie ein Lauffeuer. In der Arte-Mediathek wurde es bislang mehr als 140.000 Mal angeklickt. Der zugehörige Post auf der Facebook-Fanpage des Senders wurde über 2.600 Mal geliked, mehr als 2.220 Mal geteilt und über 100 Mal kommentiert (im Vergleich: die etwa zehn letzten Posts der Seite erreichten im Schnitt etwa 80 Likes, 10 Kommentare und wurden gut 15 mal geteilt). „Zauberhaft“, „Hat mir eine Träne in die Augen getrieben!“ oder „sehr beeindruckend“: Der Tenor der Kommentare ist fast ausschließlich positiv.

          Darf Inklusion witzig sein?

          Die Regisseurin des Films ist die Australierin Genevieve Clay-Smith, geboren 1988 in Newton. Sie setzt sich für soziale Gerechtigkeit und Inklusion von Menschen mit Behinderung ein und thematisiert in ihrem Film den Einbezug von Menschen mit Handicap in die Arbeitswelt auf ungewöhnliche und sehr humorvolle Art und Weise.

          Genau deshalb gefällt der Film wohl nicht nur der Netzgemeinde so gut. Auch Peer Brocke, Pressesprecher der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., mag genau das: „Der Film zeigt mit einem Augenzwinkern, dass in Menschen mit Behinderung Fähigkeiten stecken, die ihnen meist nicht zugetraut werden. In diesem Fall: gute und berechtigte Fragen zu stellen.“

          Aus seiner eigenen Erfahrung mit einem Reporter-Team aus Menschen mit geistiger Behinderung wisse er, „wie erfrischend und unverstellt diese Fragen sein können.“ In der Lebenshilfe-Zeitung interviewe das Team prominente Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Sport und Kultur. Die Ergebnisse der Serie „Berliner Gespräche“ seien immer höchst unterhaltend und auch informativ. „Das Video trägt also in humorvoller Weise dazu bei, einen neuen Blick auf Menschen mit Behinderung zu werfen und alte Klischees zu durchbrechen. Das fördert die Inklusion“, so Brocke.

          Film hilft, Hemmschwellen abzubauen

          Christian Westhoff, ein Sprecher des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das 2011 eine Kampagne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention startete, findet das Video ebenfalls gelungen: „Die Bemühungen um Inklusion und die verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderung in Arbeitswelt und Gesellschaft sollten und müssen auch originelle, überraschende Wege gehen; und diese Charakterisierung trifft auf den Kurzfilm aus meiner persönlichen Sicht zweifelsohne zu.“

          Für Ralph Burkhardt, Geschäftsführer der 7S Group, transportiert „Das Vorstellungsgespräch“ noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Menschen mit einem Down-Syndrom oder einer anderen Behinderung werden unserer Erfahrung nach oft unterschätzt. Diese vermittelt der Film ebenso wie die Tatsache, dass Menschen mit dieser Behinderung oft emotionaler sind und authentischer wirken.“

          Burkhardt ist Geschäftsführer der 7S Group. Deren Tochterunternehmen Stegmann Personal hat 2014 den Inklusionspreis des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erhalten, da es unter anderem als erster deutscher Personaldienstleister die Behindertenquote von 5 Prozent erreicht hat.

          Durch seine Authentizität sorge der Film seiner Meinung nach „innerhalb kurzer Zeit für eine gesellschaftliche Diskussion zum Thema Behinderung“, so Burkhardt. Das sei auch nötig, denn: „Die Inklusion ist ein langwieriger Prozess. Hierfür müssen Hemmschwellen und Berührungsängste abgebaut werden. Dieses Ziel unterstützt der Film auf sehr gelungene Art und Weise.“ Das findet die Netzgemeinde wohl auch.

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