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Kununu & Co. : Lästern über den Chef lohnt sich

Zwei Sterne für den Arbeitsplatz: So können Mitarbeiter beim Portal „Jobvoting” ihr Urteil abgeben Bild: Jobvoting.de

Arbeitgeber kriegen auf Bewertungsportalen im Internet ihr Fett weg - und zahlen den Anbietern auch noch Geld: Denn neuerdings können sie Arbeitgeberprofile auf den Plattformen einstellen. Und so die allzu schlechten Urteile wieder geradebiegen.

          Sklaventreiber sind menschlicher“, „keine Führungskompetenz“, „viele verbrauchte Mitarbeiter“ - ganz klar, auch in der Arbeitswelt schlägt die große Stunde der Frustrierten im Internet. Wer seinem Chef oder den lieben Kollegen mal richtig einen mitgeben will, vielleicht passenderweise zum „Boss day“ am 16. Oktober, kann das auf speziellen Bewertungsportalen tun. Denn Druck ist in deutschen Büros ordentlich auf dem Kessel, wenn man gängigen Umfragen zur Mitarbeitermotivation Glauben schenken darf. Laut dem Klassiker von Gallup verrichten drei Viertel der Arbeitnehmer lediglich Dienst nach Vorschrift oder haben innerlich sogar schon gekündigt. Da bietet die anonyme Abrechnung mit dem Arbeitgeber eine gute Gelegenheit, mal aufzuschreiben, was eigentlich längst hätte gesagt werden müssen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          In den vergangenen Jahren hat sich deshalb ein kleiner, aber wachsender Markt von Bewertungsseiten im Internet herausgebildet. Mit rund 460 000 Erfahrungsberichten über fast 140 000 Arbeitgeber und rund 5 Millionen Seitenaufrufen im Monat darf sich Kununu.com wohl zu Recht als Marktführer im deutschsprachigen Raum vor Wettbewerbern wie Jobvoting oder Companize bezeichnen. Auf Kununu, was auf Suaheli „unbeschriebenes Blatt“ bedeutet, werden Arbeitgeber auf einer Skala von 1 (mies) bis 5 (sehr gut) bewertet. Dazu bietet ein vorgefertigter Bogen Möglichkeiten für persönliche Kommentare zu Vorgesetzten, Kollegen, Betriebsklima, Gehalt und vielem mehr.

          Damit die Stunde der Lästermäuler nicht permanent vor Gericht endet, hat Kununu klare Regeln definiert: keine Bewertung von Personen, keine Firmengeheimnisse ausplaudern und keine diskriminierenden, beleidigenden, rufschädigenden, rassistischen und vulgären Aussagen treffen. Wer dagegen verstößt, fliegt raus, heißt es. Trotzdem bleibt genügend Raum für Andeutungen, Anrüchiges und Gemeckere, wie die von Kununu entnommenen Urteile zum Online-Versandhändler Amazon zeigen. Dass die Bandbreite der Kommentare durchaus groß ist, zeigt das Beispiel Siemens. „Angst pur“, titelt ein Mitarbeiter, beim nächsten „ging es teilweise sehr lustig zu“.

          Mehr als eine halbe Million Zugriffe nur auf Siemens-Berichte

          So verschieden die Bewertungen auch sein mögen, eines steht fest: Sie werden gelesen. Nach Angaben des Betreibers griffen auf die knapp 750 Berichte zu Siemens bislang schon mehr als eine halbe Million Menschen zu. Damit gewinnen die Beurteilungsplattformen in einem enger werdenden Arbeitsmarkt an Bedeutung. Denn in Zeiten, in denen gerade Konzerne viel Geld in die Hand nehmen, um ihre Arbeitgebermarke aufzupolieren, machen sich miese Einträge für die Personalsuche gar nicht gut. Und gerade in kleinen Betrieben mit wenigen Kommentaren fallen schlechte Urteile besonders ins Gewicht. So kreisten schon etliche Abteilungen auf der Suche nach dem Übeltäter erst mal einige Zeit um sich selbst. Zwar spielen soziale Medien hierzulande generell im Vergleich mit Amerika noch eine geringere Rolle, doch sind Mitarbeiterempfehlungen laut Bundesagentur für Arbeit immer noch der erfolgreichste Suchweg bei Neueinstellungen. Die Bewertungsportale verknüpfen beides geschickt.

          Kein Wunder also, dass Kununu zu Beginn des Jahres für mindestens 3,6 Millionen Euro den Besitzer wechselte. Nun gehören die Österreicher zum Karrierenetzwerk Xing, das wiederum Teil des Burda-Konzerns ist. Mittlerweile sind beide Plattformen eng verbunden; Xing lädt seine Mitglieder direkt ein, mal anonym den Arbeitgeber zu benoten. Und Kununu hat sein Geschäftsmodell schon erfolgreich erweitert: Neben klassischen Werbeflächen werden seit 2012 auch Arbeitgeberprofile verkauft. Für bis zu 1095 Euro im Monat können sich die Unternehmen dort mit Ansprechpartnern und Adressen für mögliche Interessenten präsentieren und kritische Darstellungen gleich geraderücken. Schlaue Unternehmen nutzten die Chance, um daraus zu lernen, wirbt Kununu für seine eigene Form der Feedbackkultur. Wie es aussieht, mit Erfolg: Denn mehr als 800 Kunden hat man laut Unternehmensangaben schon, man sei profitabel. Das zeigt: Lästern lohnt sich. Zumindest für einige.

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