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Arbeitsplatzgestaltung : Her mit der Kunst!

Der „Walking Man“ des Künstlers Jonathan Borofsky ziert seit dem Jahr 1995 das Eingangsportal des Rückversicherers Munich Re. Bild: dpa

Kunst am Arbeitsplatz fördert die Kreativität. Aber der Picasso in der Eingangshalle reicht nicht. Am besten ist es, wenn die Mitarbeiter selbst aktiv werden.

          Man kann darüber streiten, ob es wirklich Kunst ist, was Götz Friedewald regelmäßig zu Gesicht bekommt. Die Pinselstriche sind oft grob, der Farbauftrag rauh, die Farbnuancen noch nicht wirklich ausgereift. Man könnte auch sagen: Manches wirkt grob hingekleckst. Aber das ist nicht so wichtig. Betrachtet man diese Bilder im Ganzen, so denkt man: Okay, das Ganze ist stimmig, auch wenn die Umsetzung nicht gerade genial wirkt – technisch könnte das eigentlich jeder.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Genau darum geht es. Die Bilder, die unter Aufsicht des ausgebildeten Künstlers Götz Friedewald entstehen, sind für Unternehmen bestimmt. Die Maler sind die Mitarbeiter der Firmen selbst. Und Friedewald selbst will in seinen Workshops keine Meisterwerke entwickeln, sondern er will Firmen zeigen, was alles in ihren Mitarbeitern steckt.

          In vielen Beschäftigten schlummert verdammt viel Kreativität. Und so mancher würde sie auch gerne einmal richtig herauslassen. Aber wie soll man das vor lauter Terminen? Vor lauter endlosen Konferenzen, in denen sich zwar viele Vorgesetzte ein Brainstorming von ihren Mitarbeitern erhoffen, die aber allzu oft mit den immer gleichen Ergebnissen enden – oder völlig ohne solche. Zudem verbringen viele Angestellte dann auch noch ihre Arbeitstage in monotonen Bürokomplexen mit endlosen Fluren, an die sich Räume reihen, von denen einer so trist ist wie der nächste. Ob das die Kreativität der Mitarbeiter befördert?

          Farbe hat einen Einfluss auf die Emotionen

          Natürlich nicht, es bewirkt genau das Gegenteil, wie Forscher der Hochschule für Angewandte Kunst und Wissenschaft (HAWK) feststellten. Sie haben 3000 Mitarbeiter von Unternehmen befragt, wie Farbe am Arbeitsplatz auf sie wirkt. Farbe hat direkten Einfluss auf unsere Sinne und unsere Emotionen, lautet das Ergebnis. Deshalb sollte man sie auch nutzen, ist der Ratschlag der HAWK-Forscher: Die Farben Gelb und Rot eignen sich demnach am besten für Konferenzräume, weil sie die Kommunikation fördern. Blau beruhigt und entspannt, es fördert aber auch das klare Denken und die Konzentration – daher ist es zusammen mit agilem Gelb gut für Arbeitsräume. Das Entscheidende ist aber: Dazu muss man nun nicht die kompletten Bürowände streichen oder knallbunte Büros bieten, wie Google, Facebook oder Lego. Schon kleine Farbakzente genügen, um eine Wirkung zu erzielen – die kann man schon mit dem Aufhängen von Bildern schaffen.

          Kunst am Arbeitsplatz wirkt also geistig belebend, das erkennen immer mehr Unternehmen. Man sieht es daran, dass moderne Büros immer kunstvoller gestaltet werden. Daran, dass nicht nur der Kunstmarkt für Privatleute boomt, sondern es auch immer mehr Kunstberater und Kunstverleiher für Firmen gibt. Man kann das freudig begrüßen, so wie es Leonhard Fopp tut, ehemaliger Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen und seit 2007 Präsident des schweizerischen Verbands der Familienunternehmen. Er sieht es als Beweis dafür, dass bei immer mehr Führungskräften das Signal angekommen sei, dass „Kunst einer der vier Erfolgstreiber für Unternehmen ist“. Die anderen drei sind ihm zufolge Kreativität, Kraft und Kommunikation.

          Selbstverständlich kann man das alles auch skeptisch betrachten wie der Kulturwissenschaftler Emmanuel Mir, der angesichts des unternehmerischen Kunsttrends kritisiert: Die Kunst werde heute nicht mehr dekorativ oder repräsentativ eingesetzt wie zu Zeiten des Frühkapitalismus, als die Stahlbarone Krupp oder Carnegie noch als große Mäzene wirkten. Sondern man degradiere die Kunst zum rein kommunikativen Medium. Unternehmen nutzten es, um sich und ihre Marken besser von der Konkurrenz absetzen zu können. So ähnlich gab es auch Philip-Morris-Geschäftsführer George Weissman einmal zu: „Das fundamentale Interesse der Wirtschaft an der Kunst ist das Eigeninteresse“, sagte er. „Unsere grundsätzliche Entscheidung, die Kunst zu fördern, war nicht bestimmt durch die Bedürftigkeit oder die Situation der Kunstszene. Unser Bestreben war es, besser als die Konkurrenz zu sein.“

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