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Krank im Beruf : „Wer krank wird, ist ein Verlierer“

Jeder vierte Mitarbeiter leidet an einer chronischen Krankheit. Bild: dpa

In der deutschen Arbeitswelt dominiert die Arroganz der Gesunden, warnt der Arbeitsmediziner Andreas Weber. Gesundheit wird zum Leistungsmerkmal, Kranke sind angeblich selbst schuld. Ein Vorurteil? Oder ist da doch was dran?

          Herr Weber, Kritiker behaupten, Burnout sei eine Art Modekrankheit, die Diagnose viel zu unspezifisch. Wie sehen Sie das?

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Bis in die neunziger Jahre interessierten sich überwiegend nur Psychologen und Psychotherapeuten für die Burnout-Thematik. In Deutschland war ich einer der Ersten, die diese Problematik in die Arbeitsmedizin eingebracht haben. Das war 1992. Ich war damals wissenschaftlicher Assistent am Institut für Arbeitsmedizin der Universität Erlangen und habe mit vorzeitig dienstunfähigen Lehrkräften gearbeitet, die sehr häufig psychosomatisch erkrankt waren. Wir sahen zweifelsfrei objektivierbare berufliche Stressoren. Damals wurde ich wegen der Beschäftigung mit „ausgebrannten Lehrern“ übrigens als ein „Softscience-Forscher“ verspottet, was andere später, als das Thema modern wurde, nicht daran gehindert hat, von meinen Konzepten abzukupfern. Das Thema polarisiert bis heute: Zum einen wird Burnout inflationär für jede Art von Müdigkeit und Konflikte missbraucht. Zum anderen dient der Begriff nicht selten als bagatellisierendes Label für schwerere psychische Erkrankungen.

          Aber es gibt Kernsymptome wie die sogenannte Maslach-Trias, also emotionale und körperliche Erschöpfung, Depersonalisation und Leistungsdefizit.

          Oft wird eine ausreichende psychiatrische und medizinische Differentialdiagnose vernachlässigt. Sie bleibt aber trotz Selbstdiagnosen von Dr. Google unabdingbar. So haben mich in meiner Berufstätigkeit schon Menschen mit dem Label Burnout konsultiert, die in Wirklichkeit an einer Schilddrüsenunterfunktion, Hepatitis C oder sonstigen bösartigen Erkrankungen litten. Burnout ist meist weder ein Individualversagen noch die einseitige Folge von zu viel Arbeit, sondern eher das Produkt von Wechselwirkungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Arbeitswelt.

          Und auch keine Modekrankheit der Wohlstandsgesellschaft?

          Ich habe Betroffene aller Altersklassen, Bildungsmilieus und Einkommensklassen gesehen. Tatsache ist, dass es in unserer ungleichen Arbeitswelt und Gesellschaft Menschen gibt, die in Arbeit ersticken, lange Anwesenheit am Arbeitsplatz und ständige Erreichbarkeit mit Leistungsfähigkeit und Wichtigkeit gleichsetzen, sich nicht distanzieren oder erholen können und erheblichen Stressoren ausgesetzt sind, während sich andere in ihren Arbeitsmilieus oder ihrer Perspektivlosigkeit eingerichtet haben.

          Andreas Weber leitet den Bereich Arbeitsmedizin des Medizinischen Dienstes im Berufsförderungswerk Dortmund.

          Dennoch nehmen Depressionen generell deutlich zu. Woran liegt das?

          Zunächst einmal lässt sich Ihre Behauptung wissenschaftlich nicht belegen. Es fehlen Daten aus Längsschnittstudien. Was zugenommen hat, sind krankheitsbedingte Fehltage, die mit psychischen Erkrankungen begründet werden.

          Warum werden viele psychisch krank und scheiden fast 20 Jahre vor der gesetzlichen Altersgrenze aus?

          Derzeit liegt der Fokus auf drei Hypothesen: Erstens: Es handelt sich bei psychischen Erkrankungen um die „Epidemie 2.0“, zum einen als Folge einer immer stressiger empfundenen Arbeitswelt und Gesellschaft, zum anderen aufgrund weniger widerstandsfähiger, immer anspruchsvollerer Arbeitnehmer. In einer fast allzeit bereiten „24/7-Stand-by-Dienstleistungsgesellschaft“ werden psychische Erkrankungen mitunter zu „schwerwiegenden Kollateralschäden“. Zweitens: Oft handelt es sich auch um die Effekte einer verbesserten Diagnostik und Enttabuisierung psychischer Erkrankungen, zumal solche Leiden auch als Alibi-Diagnosen herhalten müssen. Schließlich erfolgt eine breite Behandlung von sozialen Probleme durch Medikamente. Drittens, es handelt sich um ein sensationsgieriges Aufbauschen von Sekundärdaten, die überinterpretiert werden. Doch die Unternehmen sind keine Versorgungsanstalten für „Low Performer“ und „Loser“.

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