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Krank im Büro : Der eingebildete Gesunde

  • -Aktualisiert am

Fehlzeiten sinken, psychische Störungen nehmen zu Bild: fotolia.com

Manager schenken niedrigen Krankenständen zu viel Aufmerksamkeit. Nur kurzfristig sinken damit auch Personalkosten: Arbeitnehmer neigen zur Selbstausbeutung. Doch zu Hause im Bett sind sie billiger für die Firma.

          Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist die am weitesten verbreitete Sorge in der Arbeitswelt", sagt Bernhard Badura. Der Gesundheitswissenschaftler von der Universität Bielefeld glaubt, hier einen der wesentlichen Gründe ausgemacht zu haben, warum sich viele Angestellte auch dann ins Büro schleppen, wenn sie besser zu Hause bleiben sollten. Genau diese Angst sei es, so werden Gewerkschafter nicht müde zu behaupten, die die Fehlzeiten in den Betrieben in den vergangenen 30 Jahren stetig sinken ließ.

          Der Kieler Arzt und Unternehmensberater Jürgen Jancik beschreibt ein weiteres Phänomen: "Es gibt eine Klientel von Menschen, für die ist Krankheit schlichtweg inakzeptabel. Das sind die, die mehr als 500 000 Euro im Jahr verdienen, aber noch immer in der gesetzlichen Krankenkasse sind", sagt er überspitzt und meint alle die, die sich wie selbstverständlich für fit halten - und wenn es sie doch mal erwischt, gestehen sie sich das nicht ein. Doch es gibt Erklärungen für die vermeintliche Aufopferung, die jenseits der Individuen zu suchen sind. Zwei Frankfurter Soziologen am Institut für Sozialforschung, Hermann Kocyba und Stephan Voswinkel, warnen vor Gesundheitsrisiken, die in der Arbeitsorganisation zu suchen sind - und deshalb in die Verantwortung der Unternehmen fallen.

          „Inszenierung als interner Unternehmer gefragt“

          Das geht vor allem Fach- und Führungskräfte an - die, die in eigenen Projekten arbeiten, mit eigenen Kunden, eigenen Budgets, den Zwängen des Marktes oft unmittelbar ausgesetzt. Zwar könne mehr Autonomie auch zu größerer Zufriedenheit und Wertschätzung in der Firma führen. Andererseits steige der Gruppen- und Termindruck. Zunehmend machten "veränderte Formen der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung es den Beschäftigten unmöglich, sich auf die Rolle des Lohnarbeiters zu berufen, auf Anweisungen zu warten, die dann pflichtgemäß umgesetzt werden", sagt Voswinkel. Oft sei die "Inszenierung als interner Unternehmer gefragt", der Selbstverwirklichung in der Arbeit anstrebe, eine Entwicklung, die als "Subjektivierung der Arbeit" beschrieben wird. So vertrage es sich nur schwer, Leistungsschwächen mit Überbelastung zu entschuldigen und mit Krankheiten geringe Belastbarkeit zu signalisieren. "Das hat nichts mit dem bösen Chef zu tun, der mit der Kündigung droht", erläutert der Soziologe, "sondern es wird als Sachzwang erlebt und führt zu einer schleichenden Krankheitsverleugnung."

          Was sich nicht messen lässt, lässt sich nicht managen

          Vor allem bei modernen Dienstleistern sei das zu finden, etwa in der IT-Industrie oder bei Banken - gerade solchen Unternehmen, die Programme zur Gesundheitsförderung anbieten und gleichzeitig die Arbeit so organisieren, dass Krankheit nicht vorkommen darf. Voswinkel klagt, längst gehe es doch nicht mehr nur darum, dass Arbeit nicht gesundheitsgefährdend sein dürfe. Jancik springt ihm bei: "Verantwortungsvolle Unternehmen müssen personelle Redundanzen schaffen."

          Typische Konstellationen

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