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Klinikärzte : Nachwuchs unterm Joch

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Bild: dapd

Sie arbeiten im Dienste der Gesundheit, doch die Arbeitsbedingungen von Klinikärzten sind oft selbst nicht sehr gesund. Besonders vom Nachwuchs wird viel gefordert.

          Ob sie nun Halbgötter in Weiß sind oder nicht - zumindest was das Arbeitspensum angeht, können sich viele Ärzte an dem fleißigen griechischen Halbgott Herkules messen lassen. Wie der Sohn des Zeus, der sich mit Einsatz und Energie ganz der Verrichtung seiner Aufgaben widmete, brauchen besonders Krankenhausärzte ein starkes Durchhaltevermögen.

          Denn im Gesundheitssystem haben steigender Kostendruck und ein akuter Mangel an Ärzten dazu geführt, dass die Personaldecke an deutschen Krankenhäusern nicht besonders dick ist. Nach dem Krankenhausbarometer des arbeitgebernahen Deutschen Krankenhausinstituts hatten 2011 rund drei Viertel der Krankenhäuser Probleme, offene Stellen zu besetzen. Die tägliche Arbeit muss deswegen auf wenige Schultern verteilt werden.

          Ein junger Assistenzarzt an einem Berliner Klinikum berichtet, pro Tag im Schnitt zehn bis elf Stunden im Einsatz zu sein - die spärlichen Pausen herausgerechnet. Dazu habe er dreimal im Monat Bereitschaftsdienst, der jeweils acht Stunden betrage. Die wöchentlichen 55-60 Stunden lägen mehr als zehn Stunden über dem, was im Tarifvertrag vereinbart sei. Unter den Berufsanfängern kursiere ein schlechter, aber bezeichnender Witz: „Sagt der eine Assistenzarzt zum anderen: Ich habe frei.“

          Überstunden besser nicht dokumentieren

          Die Darstellung des jungen Arztes, der noch in seiner Facharztausbildung steckt und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, zeigt, wie den Berufsanfängern zum Teil mitgespielt wird. Ihm sei von Kollegen geraten worden, seine Überstunden nicht zu dokumentieren, erzählt er. Er habe sie aber trotzdem eingetragen - und bekam von seinem Arbeitgeber eine korrigierte Version zurück. Darin war als Dienstschluss 16:30 Uhr statt 19 Uhr angegeben.

          Inzwischen fügt er sich in die langen Arbeitszeiten. Als Gründe dafür nennt er das ärztliche Berufsethos, die Rücksichtnahme auf die Kollegen und die Angst vor dem Verlust der Stelle. „Wenn man früher Schluss macht, geht das mit schlechterer Patientenversorgung einher.“ Schon jetzt bleibe nur wenig Zeit für direkten Arzt-Patienten-Kontakt. Außerdem bleibe die Arbeit, die er liegenlässt, an seinen Kollegen hängen. „Die können ja ihren eigenen Anteil kaum stemmen.“ Und nicht zuletzt: Darauf zu beharren, nur die vertraglich vereinbarte Zeit zu arbeiten, wolle man sich gerade am Anfang seiner Arztkarriere nicht erlauben. „Wer weiß, was das für Folgen hat“, sagt der junge Mann.

          60 Stunden oder mehr

          Der Berliner Nachwuchsmediziner ist wohl kein Einzelfall. Auch gestandene Klinikärzte arbeiten häufig mehr, als sie vertraglich müssten. 2010 befragte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund 12.000 Klinikärzte im ganzen Bundesgebiet über ihr Arbeitspensum. 37 Prozent der Befragten gaben an, inklusive Bereitschaftsdienst wöchentlich 60 Stunden oder mehr zu arbeiten, 36 Prozent nannten 50 bis 59 Stunden. Dabei sind 53 Prozent der Ärzte davon überzeugt, dass sie über die festgesetzten Höchstarbeitszeiten hinaus beschäftigt werden, von den Assistenzärzten sind es sogar 59 Prozent.

          Und in der Tat darf nach dem Arbeitszeitgesetz grundsätzlich eine durchschnittliche wöchentliche Höchstarbeitsgrenze von 48 Stunden über das Jahr verteilt nicht überschritten werden. Auch der Bereitschaftsdienst und die von zu Hause aus geleistete Rufbereitschaft sind einzubeziehen, wenn die Gesamtarbeitszeit berechnet wird. Dabei ist es ein steter Konflikt zwischen den Klinikbetreibern und der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, wie viel vom Bereitschaftsdienst zur Arbeitszeit gezählt wird. Während die Deutsche Krankenhausgesellschaft sich dafür ausspricht, dass nur der aktive Teil der Arbeitszeit als solche gewertet wird, pocht der Marburger Bund auf eine volle Anrechnung. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) stellte sich mehrfach auf die Seite der Ärztegewerkschaft: Bei Bereitschaftsdiensten gilt demnach der gesamte Dienst als Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitschutzrechts (Az.: C-303/98 und C-151/02).

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