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Kita-Streik : Notfall-Babysitter und Homeoffice

Ein Betriebskindergarten in Düsseldorf Bild: AP

Die Erzieher streiken, die Kita hat geschlossen. Wohin mit den Kindern? Das fragen sich derzeit viele berufstätige Eltern. Auch von den Unternehmen wird Flexibilität verlangt. Aber sind die wirklich so familienfreundlich, wie oft versprochen?

           „Liebe Eltern, wir verstehen, dass Ihnen der Streik in Ihrer Kita Unannehmlichkeiten bereitet und dass dies für Sie mit Stress und Mühe verbunden ist.“ So zeigte die Gewerkschaft Verdi schon vor Beginn des großen Kindergarten-Streiks, dass ihr dessen Folgen zumindest geläufig sind. Nun ist es soweit. In den kommunalen Kitas sind an diesem Freitag die Erzieher in einen unbefristeten Streik getreten. Bundesweit sind Tausende Familien betroffen. In einer Internetrubrik hat Verdi ein paar Tipps für berufstätige Eltern zusammengestellt, die nun Probleme mit der Kinderbetreuung und/oder ihrem Arbeitgeber haben. Die Botschaft lautet freilich: Wie hart es nun für Berufstätige wird, die ihre Kinder nicht mehr in die Kita schicken können, hängt stark vom Wohlwollen des einzelnen Betriebes ab.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Brigitte Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Denn sofern der Streik nicht ganz überraschend beginnt, ist es erst einmal die alleinige Pflicht der Eltern, sich um Ersatzbetreuung zu kümmern und dann pünktlich zur Arbeit zu erscheinen - oder stattdessen notfalls rechtzeitig Urlaub zu beantragen. So sehen es die Arbeitgeberverbände, und so bestätigt es auch Verdi. Unter diesen Umständen sei es „zumutbar, im Zweifel auch wertvolle Urlaubstage für den Streik zu opfern“, erläutert die Gewerkschaft. Dann gilt dasselbe wie für das Wegerisiko: Auch ein Lokführerstreik taugt nicht als Entschuldigung.

          Nur wenn der Kita-Streik sehr kurzfristig beginnt, kann er - ähnlich wie ein Krankheitsfall - ein „in der Person liegender Grund“ sein, zu Hause zu bleiben. Das wäre der Fall, wenn Arbeitnehmer ansonsten objektiv gezwungen wären, ihre Kinder unbetreut zurückzulassen. Theoretisch könnten Arbeitnehmer und Arbeitgeber dann freilich in Streit darüber geraten, ob die Suche nach Alternativen wirklich intensiv genug war. Thomas Prinz, Jurist der Arbeitgeber-Bundesvereinigung BDA, hält das aber für unwahrscheinlich. „In der Praxis haben die Unternehmen ein großes Interesse daran, mit ihren Beschäftigten nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen.“

          Flexible Einsatzpläne, Babysitter, Notfallbetreuer

          Für große Unternehmen bieten sich nun sogar Chancen, zu zeigen, wie wichtig ihnen das Bemühen um eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. So hat sich die Kölner Einzelhandelsgruppe Rewe nach Auskunft eines Sprechers zum einen mit flexiblen Einsatzplänen darauf vorbereitet, dass nun einige Eltern daheim bleiben und selbst auf ihre Kleinen aufpassen müssen. Zum anderen werde Mitarbeitern in der Kölner Zentrale verstärkt angeboten, von zu Hause aus zu arbeiten. Notfalls dürfen sie ihre Kinder ins Büro mitbringen. Rewe unterstützt Angestellte zudem, den Elternservice der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zu nutzen, und übernimmt die Hälfte der Vermittlungskosten für Babysitter oder Notfallbetreuer. Die zwei Betriebskindergärten in Köln werden von der AWO geführt; der Streik der kommunalen Erzieherinnen trifft sie nicht.

          Dasselbe gilt für die drei Betriebskindergärten des Metro-Konzerns in Düsseldorf, wie dort zu erfahren ist: Sie werden vom Roten Kreuz betrieben. Anderweitige Hinweise darauf, dass der Streik den Metro-Geschäften Personalengpässe bescheren, gebe es nicht, sagte ein Sprecher. „Unsere Personalabteilung hat bisher keine erhöhte Zahl an Urlaubsmeldungen registriert.“ Beim Hamburger Konsumgüterkonzern Beiersdorf ist das Bild ähnlich. Das Unternehmen hat eine eigene Kita für 100 Kinder. „Und die hat nicht gestreikt“, sagte eine Sprecherin. Ansonsten würden Fälle, in denen Mitarbeiter keine Betreuung finden, mit den Vorgesetzten besprochen. „Da werden immer Lösungen gefunden.“

          Auch die Kleinsten streiken mit: Szene während einer Kundgebung in Mannheim

          Die Handelsgruppe Otto bietet Eltern auch die Hilfe von Fachleuten an, wenn sie keine Betreuung finden. Diese vermitteln dann Tagesmütter oder Kitas, die nicht bestreikt werden. Zudem gibt es in der Zentralverwaltung ein spezielles Büro, in dem Mütter oder Väter arbeiten und dorthin ihre Kinder mitbringen können. „Das ist für die nächste Woche schon ausgebucht“, sagte ein Sprecher. Otto erwartet offenbar, dass der Streik länger andauert. „Wir bereiten uns für den großen Ansturm vor.“

          Etwas schwieriger könnte es freilich für die Beschäftigten kleinerer Betriebe werden. Eine Bäckerei, die fürs Geschäft auf ihre zwei oder drei Verkaufskräfte angewiesen ist, kann weder „Homeoffice“ noch einen Betriebskindergarten anbieten. Für den Fall, dass auch keine Hilfe im Verwandten- oder Freundeskreis zu finden ist, können betroffene Angestellte indes auch noch auf ihre Kommune hoffen. Jedenfalls berichtet der Deutsche Städte- und Gemeindebund, dass sich Verantwortliche in den Rathäusern vielerorts bemühen, Notfall-Angebote zu schaffen. Außerdem nähmen ja auch nicht sämtliche Erzieher in den kommunalen Kindergärten an dem Arbeitskampf teil.

          Schlechte Karten haben indes offenbar Eltern, die nun Kita-Gebühren zurückfordern. So hat etwa das nordrhein-westfälische Innenministerium schon zum KitaStreik 2009 einen Erlass an die Kommunen verschickt, dass es keine Rechtspflicht zur Gebührenerstattung gebe. Kommunen, die wegen Finanznot unter Landesaufsicht stehen, sei dies sogar verboten.

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