https://www.faz.net/-gyl-7vzsf

Kinderbetreuung : Krippenöffnung bis in die Nacht?

  • -Aktualisiert am

Mittagessen in einer Hamburger Kinderkrippe. Doch muss es auch „Vollpension“ sein? Bild: dpa

Die Wirtschaft fordert, dass Kinderkrippen sonntags und nachts öffnen. Das würde ihr so passen. Aber die Familien haben auch ein Recht auf Faulheit.

          Manchmal täuschen wir uns über unsere Freiheit. Es gibt, die Arbeit betreffend, zwei Begriffe von Freiheit, die so unterschiedlich sind wie Winter und Sommer. Das eine ist die Freiheit, arbeiten zu gehen, und das andere ist die Freiheit, nicht arbeiten gehen zu müssen.

          Am Beispiel des Krippenausbaus, über dessen Fortschritt die Ministerinnen und Minister von Bund und Ländern an diesem Donnerstag verhandeln, werden beide Freiheitsbegriffe anschaulich. Als persönlichen Freiheitsgewinn empfindet zum Beispiel eine Mutter, Anfang dreißig, das Krippenangebot.

          Sie erzählte, ihr einjähriger Sohn habe sich schnell eingefunden, denn er sei ein selbständiger Charakter. Bei anderen Kindern gebe es Probleme, doch wenn sie ihn abends abhole, „dreht er sich nicht mal nach mir um“. Das wird wohl stimmen, auch die Wahrnehmung des Sachverhalts als Freiheitsgewinn. Womöglich ist sie aber etwas eindimensional. Es handelt sich um einen Gewinn von Selbständigkeit und Ungebundenheit, um eine Freiheit voneinander. Aber was können Kleinstkinder mit einem solchen Begriff von individualistischer Freiheit anfangen?

          Starre Betreuungszeiten passen nicht mehr

          Die politische Krippenoffensive befasst sich derzeit mit Verbesserungen der Betreuungsqualitätsstandards. Sie ist aber zunehmend auch mit Forderungen nach verlängerten Öffnungszeiten der Einrichtungen konfrontiert. Vor Beginn des Gipfels äußerten Wirtschaftsverbände und die Arbeitsagentur den Wunsch, dass die Kitas abends und an Wochenenden öffnen. Für Schichtarbeiter, Ärzte, Kellnerinnen und Callcenterarbeiter, denen es wenig nützt, dass die Kommunen in den vergangenen Jahren die Zahl der Betreuungsplätze für Unter-Drei-Jährige verdoppelt haben. Denn die bestehenden Plätze nützen nur morgens bis nachmittags arbeitende Eltern.

          Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagte, solche „starren Betreuungszeiten“ (gemeint ist etwa: von 8 Uhr bis 17.30 Uhr) passten nicht mehr „zur heutigen Lebens- und Arbeitswelt“. Eine Erweiterung würde familiär gebundene Fachkräfte länger verfügbar machen. Vor allem Alleinerziehende und gering-Qualifizierte.

          Zwar sprach er nicht von Freiheit, aber der Vorschlag polarisiert, weil es um Freiheiten geht. Und weil nicht jeder das Gleiche darunter versteht. Der Glaubenskrieg um die Krippen ist - abgesehen davon, dass viele Eltern die Betreuungsangebote benötigen, weil sie das Einkommen brauchen - ein Konflikt von zwei Freiheitsbegriffen. Auf der einen Seite der Freiheit zur Selbstbestimmung. In dieser Perspektive ist der Krippenausbau ein kulturelles Fortschrittsprojekt.

          Mit Familienfreundlichkeit hat das wenig zu tun

          Dagegen steht ein Begriff von der Freiheit der Mütter und Väter, einige Jahre mit ihren Kindern zu verbringen. Also einer Freiheit, mal nicht arbeiten zu müssen - oder zumindest den späten Nachmittag, den Abend, das Wochenende gemeinsam zu haben. Weil es Freude macht, oder weil sie es kindgerecht finden. Das muss nicht wertkonservativ motiviert sein, sondern hat auch eine Verwandtschaft zur anarchistischen Idee von einem „Recht auf Faulheit“. Dieses gibt es natürlich nicht. Der Mensch muss sich der Arbeitswelt anpassen: umziehen, umschulen, auf Dienstreise gehen. Dafür bekommt er ein Einkommen und die Chance zur Entwicklung. Aber die Anpassung an die Wirtschaft hat Grenzen, umso mehr, wenn Kinder ins Spiel kommen.

          Weitere Themen

          Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

          Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

          Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.