https://www.faz.net/-gyl-7vzsf

Kinderbetreuung : Krippenöffnung bis in die Nacht?

  • -Aktualisiert am

Die nächste Stufe des Krippenausbaus nach den Phantasien der Wirtschaft könnte zum Beispiel so aussehen: Die alleinerziehende Mutter beendet um kurz nach 24 Uhr ihre Spätschicht im Rewe und holt das seit Stunden schlafende Kind aus der Krippe ab. Der Lastwagenfahrer weckt seine Tochter um halb vier Uhr morgens und bringt sie in die Kita. Es gibt Krippen mit Ganztags- und Nachtbetreuung, für Berufspendler auch tagelang ohne Unterbrechung. Wie in Amerika oder im Sozialismus der DDR. Dort allerdings geschah die Krippenbetreuung nicht aus reiner Familienfreundlichkeit - sondern um Frauen möglichst schnell wieder in die Produktion zu bringen.

Je mehr Angebote es gibt, desto selbstverständlicher werden Eltern sie annehmen und die Unternehmen das für selbstverständlich halten. Das zeigt die bisherige Geschichte des Krippenausbaus. Im siebten Jahr nach von der Leyen hat sich unser Bild von der Familie normiert. Aus einer Vielfalt von Entwürfen hat sich, zumindest im bürgerlichen Mittelschichtsmilieu der Städte, ein Modell der Normalfamilie herauskristallisiert: Ein Jahr Elternzeit der Frau, zwei Monate für den Mann, danach geht das Kind in die Krippe, und die Eltern arbeiten. Wer abweicht, macht die Erfahrung, sich erklären zu müssen, ob am Arbeits- oder auf dem Spielplatz: Das gilt für Männer, die länger oder gar keine Elternzeit nehmen, Frauen, die kürzer nehmen, und Frauen, die länger gehen. Sie sind der Großteil der Nichtnormalen.

Gibt es ein Angebot, steigt der Bedarf

Gäbe es ein „bedarfsgerechtes“ Krippenangebot auch nachts und am Wochenende, dann würde der Bedarf steigen. Denn ein Arbeitnehmer wird sich erklären müssen, wenn er die Angebote nicht annimmt. Und die Allianz für verlängerte Öffnungszeiten ist ziemlich groß und ungewöhnlich parteiübergreifend. Mehr als tausend Unternehmen, Arbeitgeberverbände, das Bundesfamilienministerium und der Deutsche Gewerkschaftsbund setzen sich im Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ zwar auch für Teilzeitarbeitsmodelle ein („mehr Zeit für Familie“), andererseits aber auch „flexiblere“ Öffnungszeiten.

Wirtschaftsverbände beklagen einen Mangel an Wochenendöffnungszeiten, in diesem Sommer forderte der hessische Industrie- und Handelskammertag Krippenbetreuung bis nach 18 Uhr. Die Politik müsse „am Ball bleiben“. Weil die Freiheiten, um die es geht, unterschiedlich sind wie Winter und Sommer, ist es so, dass einige Parteien auch kräftig an beiden Enden des Taus ziehen.

Die Gewerkschaften sind tief gespalten. Einerseits wollen sie Frauen am Arbeitsmarkt gleichstellen, andererseits kämpfen sie für ein Recht auf Teilzeit - also einer Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, die beiden Freiheiten nebeneinander Raum lässt. So klingt es bei Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende: „Wir brauchen flexiblere Kita-Öffnungszeiten, aber nicht auf dem Rücken der Beschäftigten“, und: „Die Beschäftigten müssen mitbestimmen können über Dauer, Lage und Takt ihrer Arbeitszeiten.“ Ähnlich ambivalent hört sich die Familienministerin Schwesig von der SPD an.

Emotionalisierter Fluchtpunkt

Unter einflussreichen Ökonomen klingt die Sache ganz eindeutig. Holger Bonin, Arbeitsmarktforscher am ZEW Mannheim und Studienautor für das Bundesfamilienministerium, sagt: „Es gibt keinen Grund, warum der Staat bestimmte Arten von Jobs, die relativ normal sind, nicht unterstützen sollte.“ Die empirische Norm wird zum Maßstab für die Politik. Die Logik ist bestechend: Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer arbeiteten auch am Wochenende oder abends. „Nachfrage danach dürfte es geben.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.