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Karrierepläne : Bitte nicht in die Amtsstube

Verstaubtes Image Bild: fotolia.com

Der öffentliche Dienst war immer die Domäne der Juristen. Doch jetzt meiden ausgerechnet die besten Absolventen die Rathäuser und Ministerien.

          Die Stadtverwaltung in Frankfurt (Oder) suchte zwei Justitiare im höheren Dienst. Jung, engagiert und möglichst aus der Umgebung. Der Ausschreibung folgte die Ernüchterung: 15 Bewerbungen landeten im Rathaus. Die Stadt wählte die beiden Besten aus - jung waren sie, ihr Examen hatten sie jedoch nur mit Mühe geschafft. "Wir haben sicher eine bessere Resonanz erwartet", gibt Pressesprecher Sven Häseker zu. Hinter vorgehaltener Hand wächst nun die Kritik der Stadtvertreter: In geheimer Sitzung wollen sie über die Qualität der Bewerber diskutieren - und die Stellen eventuell neu ausschreiben.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der öffentliche Dienst ist nicht mehr attraktiv für Juristen, zumindest nicht für die besten. Das Berliner Trendence-Institut hat in einer noch nicht veröffentlichten Studie die besten 10 Prozent der Jura-Absolventen - jene mit 9 Punkten und mehr im Staatsexamen - nach ihren Berufswünschen gefragt. Für nur 15 Prozent ist der Staatsdienst eine Option. Diese Zahl bilde aber nur die halbe Wahrheit ab, sagt Oliver Viel vom Trendence-Institut. Denn wenn Top-Juristen vom öffentlichen Dienst reden, meinen sie nicht die Stadtverwaltung in Frankfurt (Oder), sondern das Auswärtige Amt. Mehr als die Hälfte derer, die sich für den öffentlichen Dienst interessieren, möchten in Frank-Walter Steinmeiers Ministerium verbeamtet werden. Es ist der einzige staatliche Arbeitgeber unter den 50 beliebtesten Adressen für Juristen (Die Welt als Arbeitsplatz).

          Die Messlatte liegt tiefer

          Auch das baden-württembergische Justizministerium beobachtet einen Bewerberrückgang: "Die ,Hochzeit' für Bewerbungen lag zwischen 2002 und 2006", so ein Sprecher. Da habe man "aus dem Vollen geschöpft" - was die Examensnote als Einstellungskriterium betrifft. Seit dem habe sich bundesweit einiges verändert. "Momentan haben Bewerber für den höheren baden-württembergischen Justizdienst mit Examensnoten von mindestens einem "vollbefriedigend" und einem "befriedigend" im oberen Bereich gute Chancen", so das Ministerium. Immerhin gebe es aber etliche Bewerber, die nach zwei bis drei Jahren als Rechtsanwalt in den Justizdienst wechseln wollten.

          Vor allem das Gehalt und die starren Karrierepfade scheinen den öffentlichen Dienst unattraktiv zu machen. "In der freien Wirtschaft können die besten Absolventen sich die Gehälter aussuchen", sagt Oliver Viel. 100 000 Euro zum Einstieg seien keine Ausnahme. Davon sind Behörden weit entfernt. Staatsanwälte und Richter an der Küste haben sogar gegen das Land Schleswig-Holstein einen Musterprozess auf mehr Vergütung angestrengt.

          Wenn nicht mit Geld können die Personalverantwortlichen in Rathäusern und Ministerien immerhin mit vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten werben - sie entscheiden über Gefängnisstrafen, Verwaltungsrichtlinien und Bauanträge. Auch die Stellenzahl ist üppig: Im höheren Dienst waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2006 fast 380 000 Männer und Frauen angestellt, dazu kommen gut 27 600 Richter und Staatsanwälte. Noch finden sich für die meisten Stellen auch geeignete Bewerber. "Bei uns ist ein Mangel an guten Juristen kein Thema", sagt etwa Daniela Schönwälder vom Deutschen Städtetag. Auch das Bundesverwaltungsamt, das Mitarbeiter für das Bundesinnenministerium rekrutiert, wiegelt ab: Zwar sei das Angebot an Juristen auf dem Markt leicht rückläufig, sagt der Sprecher Peter Faßbender. "In den bisherigen Verfahren ist aber stets eine ausreichende Zahl an geeigneten Bewerbungen eingegangen."

          Mehr Sicherheit, weniger Belastung

          Wie aber sieht es in der Zukunft aus? "Die Arbeit muss für Hochqualifizierte attraktiver werden", sagt Klaus-Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetag in Mecklenburg-Vorpommern. Man müsse die Vorteile des Staatsdienstes mehr betonen: hohe Arbeitsplatzsicherheit, moderate Belastung. "Das hat viele Vorteile für die Familienplanung." Weibliche Top-Juristen wissen das schon. Sie können sich nach der Trendence-Studie zu mehr als 20 Prozent eine Zukunft im öffentlichen Dienst vorstellen - die Männer zu 10 Prozent.

          Ein Abonnement auf Spitzenpositionen in der Verwaltung haben Juristen aber nicht mehr. Seit 15 Jahren beobachtet Hubert Heinelt, Professor für öffentliche Verwaltung an der TU Darmstadt, dass Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler auf die Chefsessel rücken. "Ursprünglich waren Juristen von Haus aus im Vorteil, da das Verwaltungshandeln nur gesetzlichen Vorgaben unterlag", so Heinelt. Heute sei "Public Management" das Zauberwort: "Jetzt steht Effizienz der Verwaltung im Zentrum."

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