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Karrieren von Heimkindern : Ganz ohne Helikopter-Eltern

Niemand da zum Behüten: Ohne Eltern ist der Studien- und Berufsstart heute schwer. Bild: Nina Hewelt

Niemand bürgt für die Studentenbude, keiner geht zum Elternabend und niemand zahlt das Repetitorium. Wer im Heim aufwächst, hat selten Helfer bei Abi, Studium und Bewerbung. Geschichten über einen schwierigen Karrierestart.

          An den Wänden von Lucie Grengels Zimmers hängen bunte Poster. Eines zeigt eine Szene aus dem Computerspiel „Minecraft“ ein anderes die Helden aus der Fernsehserie „The Big Bang Theory“; ein selbstgemaltes Papp-Plakat listet die Endungen spanischer Verben bei der Konjugation. Lucie ist 18 Jahre alt und macht Ende des Schuljahrs Abitur. In Informatik tut sie sich leicht, mit Sprachen eher schwer. In ihrer Freizeit schaut sie gerne Fantasy-Filme oder spielt Fußball als Torfrau in ihrem Dorfclub. Sie träumt vom Führerschein und vom Studieren.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Klingt nach einem ganz normalen Teenagerin. Und doch wird Lucie es schwerer als andere haben bei ihrem Start an der Uni und ins Erwachsenenleben. Denn derzeit lebt sie in einer Jugendhilfeeinrichtung in der Nähe von Stuttgart, zusammen mit neun anderen Jugendlichen. Sie alle haben entweder gar keine Eltern, oder das Jugendamt hat entschieden, dass es besser für sie ist, wenn sie nicht in ihrem Elternhaus aufwachsen, weil ihre Eltern entweder (sucht)krank, gewalttätig oder anderweitig mit der Kindererziehung überfordert sind. So war es auch bei Lucie, die mit 15 Jahren ins Heim kam, besser gesagt: in eine Wohngruppe - eine Art große, betreute WG, wie sie heute in der stationären Jugendhilfe Standard ist. Seither hat sie nur noch ganz sporadisch Kontakt zu ihren Eltern.

          Mit ihrem Wunsch, Abitur zu machen und studieren zu gehen, ist Lucie eine der großen Ausnahmen in der Jugendhilfe, weiß Katharina Mangold, die an der Universität Hildesheim über die Bildungswege und Karrieren ehemaliger Heimkinder forscht. Etwa 60.000 Kinder und Jugendliche wüchsen hierzulande in Heimen und Wohngruppen auf, weitere 60.000 in Pflegefamilien, sagt Mangold. Wegen der vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die in der jüngeren Vergangenheit nach Deutschland gekommen sind, ist die Tendenz steigend. „Nur ein kleiner Bruchteil der Jugendhilfekinder schafft einen akademischen Abschluss“, sagt Mangold. Verlässliche Zahlen darüber gibt es aber nicht, weil die Kinder- und Jugendhilfestatistik seit 2005 keine Daten zum Bildungsabschluss mehr erhebt. Doch die Wissenschaftlerin schließt aus früheren Daten, eigenen Befragungen und vergleichbaren Erhebungen anderer Länder, dass die Quote im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen dürfte. „Die Jugendlichen werden häufig eher dazu motiviert, eine Ausbildung zu machen, und nicht unbedingt zum Studium angeregt“, sagt Mangold.

          Keiner geht zum Elternabend

          Heutzutage sind höhere Bildungskarrieren für Heimkinder sogar eher schwieriger geworden als früher: Mehr und mehr Eltern kümmern sich bis weit ins Erwachsenenalter hinein um ihre Sprösslinge, besuchen Elternabende an der Uni, helfen bei der Suche nach der ersten Studentenbude. Sie bürgen beim Vermieter, redigieren Bewerbungen und suchen in der Uni-Hausarbeit nach Rechtschreibfehlern. Unter dem Begriff „Helikopter-Eltern“ haben sie Einzug in die Schlagzeilen der Medien gehalten, weil mehr und mehr dieser sehr fürsorglichen Mamas und Papas es nicht schaffen, loszulassen, und gleich einem Hubschrauber über dem erwachsenen Nachwuchs kreisen. Das durchschnittliche Auszugsalter aus dem Elternhaus liegt in Deutschland mittlerweile bei 24 Jahren für Mädchen und bei 25 Jahren für Jungs.

          „Es sind nicht immer nur die großen Hürden, die ehemalige Heimkinder von höherer Bildung abhalten“, sagt Mangold. „Es sind auch die kleinen Dinge: Man kann nicht mal eben von den Eltern Geld leihen, wenn der PC kaputtgegangen ist. Man kann nicht kurz am Wochenende nach Hause fahren, um die Wäsche zu waschen. Und während des Auslandssemesters gibt es keinen Ort, um die Möbel aus der Studentenbude unterzustellen.“

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