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Vereinbarkeit mit dem Job : Aufstieg trotz Kind

Für viele Frauen ist es nach wie vor schwer, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Doch es soll leichter werden, versprechen viele Unternehmen. Bild: Picture-Alliance

Eine Familie gilt als Karrierebremse. Die Unternehmen arbeiten schon lange daran, diesen Konflikt zu lösen. Jetzt haben sie neue Ideen. Nicht zuletzt, weil der Druck wächst.

          Schwanger mit Zwillingen. Wie aufregend! Und was sagt der Chef? „Herzlichen Glückwunsch.“ Und fügt an: „Das war’s dann ja wohl mit der Karriere.“ So ist es einer Anwältin ergangen. Der Chef hat sich später für seine Reaktion entschuldigt. Es sei nicht böse gemeint gewesen. Er habe sogar sehr bedauert, dass seine Mitarbeiterin in Elternzeit gegangen sei. Die Anwältin hat dann auch mit Zwillingen Karriere gemacht. Demoralisierend war das Erlebnis trotzdem. Und ärgerlich. Denn der Chef wäre wohl nie auf die Idee gekommen, gegenüber einem Mann, der ankündigt, Vater von Zwillingen zu werden, einen solchen Kommentar abzugeben.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Die Reaktion war spontan und unbedacht - und verrät deshalb sehr viel: Es gilt immer noch als Selbstverständlichkeit, dass die Frau in erster Linie verantwortlich für die Erziehung ist. Die traditionellen Rollenbilder sind noch nicht überwunden - allen Anstrengungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Trotz. Die Karrierechancen von Frauen haben sich zwar enorm verbessert. Eine Frau zu sein ist heute in aller Regel kein Hindernis für den beruflichen Aufstieg. Doch eine Frau mit Kind? Da sieht es schon anders aus.

          Mütter haben schlechtere Karten, sowohl bei Einstellungen als auch bei Beförderungen. Das musste auch eine Bürokauffrau, die sich bei einem lokalen Radiosender um eine Vollzeitstelle beworben hatte, erfahren. In ihrem Lebenslauf stand: „Verheiratet, ein Kind“. Mit der Absage wurde der Frau auch der Lebenslauf zurückgeschickt. Die Personalabteilung hatte neben „ein Kind“ handschriftlich „7 Jahre alt!“ vermerkt und unterstrichen. Das Alter des Kindes ergab sich nicht aus den Bewerbungsunterlagen, die Personalabteilung hatte es errechnet. Die Bewerberin fühlte sich dadurch diskriminiert und wehrte sich gerichtlich gegen die Absage.

          Elternschaft ist kein verbotenes Differenzierungskriterium

          Der Ärger der Frau ist verständlich. Doch nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz sind nur Benachteiligungen wegen des Geschlechts unzulässig. Im Gesetz heißt es, dass unter dieses Verbot auch eine ungünstigere Behandlung wegen Schwangerschaft oder Mutterschaft fällt. Damit sind allerdings nur Tatsachen gemeint, die Männer und Frauen nicht in gleicher Weise betreffen können, weil sie mit Schwangerschaft und Geburt zusammenhängen - etwa Mutterschutzzeiten. Die Elternschaft ist dagegen kein verbotenes Differenzierungskriterium. Bewerber mit Kindern schlechter zu behandeln als solche ohne Kinder, ist an sich zulässig. Voraussetzung ist allerdings, dass damit keine Diskriminierung der Frauen verbunden ist. Doch genau hier liegt das Problem: Hat sich der Lokalsender in dem genannten Fall gegen die Bewerberin entschieden, weil sie ein sieben Jahre altes Kind hat?

          Oder vielmehr deswegen, weil sie aus Sicht des Senders als Frau hauptverantwortlich für das Kind ist und daher im Job nicht in demselben Maß Einsatz zeigen kann wie ein Mann? Die markierte Anmerkung „7 Jahre alt!“ ist als solche erst einmal geschlechtsneutral. Entscheidend ist aber die Motivation. „Geht ein Arbeitgeber generell davon aus, dass eine Frau wegen ihres Kindes für eine Vollzeitbeschäftigung nicht geeignet ist, ist das eine unzulässige Diskriminierung“, lautet der Befund von Kara Preedy, Arbeitsrechtlerin in der Kanzlei Pusch Wahlig Legal in Berlin. Das Landesarbeitsgericht Hamm muss nun ermitteln, ob der Lokalsender diesen Einwand auch bei einem männlichen Bewerber erhoben hätte.

          Nach der Lebenserfahrung erscheint das eher unwahrscheinlich. „Leider sind viele Arbeitgeber immer noch der Ansicht, dass die Kindererziehung in erster Linie Sache der Frau ist“, sagt Preedy. So fragen Arbeitgeber Frauen in Vorstellungsgesprächen regelmäßig, wie sie die Betreuung ihrer Kinder organisieren, während Männer mit dieser Frage kaum behelligt werden. „Wenn ein Arbeitgeber wissen möchte, wie die Kinder betreut werden, muss er Männer und Frauen gleichermaßen danach fragen“, fordert die Expertin, „am besten in Form von standardisierten Fragebögen.“

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