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Karriere im Kernkraftwerk : Die Atom-Außenseiter

Kein beliebter Arbeitsplatz: Junge Physiker und Ingenieure zieht es nur selten ins Atomkraftwerk Bild: dpa

Die Atomindustrie hat ein Imageproblem. Viele junge Ingenieure und Physiker wollen lieber anderswo arbeiten - trotz der guten Einstiegsmöglichkeiten. Die Schuld schieben die Personaler auf die Antiatomlobby und die politische Stimmung.

          Wenn Franz Kattner mit Freunden über seine beruflichen Pläne spricht, erntet er regelmäßig Erstaunen. „Ich muss mich ständig rechtfertigen für das, was ich vorhabe“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Aber was soll's, das habe ich mir ja selbst ausgesucht.“ Franz Kattner will Karriere in der Atomindustrie machen. Der 23 Jahre alte Dresdener studiert Physik im 7. Semester und hat sich auf Strahlenphysik spezialisiert. Später würde er am liebsten als Strahlenschutzbeauftragter in einem Atomkraftwerk arbeiten. „Aber als Physiker gibt es in der Branche noch viele weitere Möglichkeiten“, sagt er. „Konstruktion von Brennelementen beispielsweise - auch das könnte ich mir vorstellen.“ Anders als seine skeptischen Freunde ist der Student fasziniert von der Kernkraft. „Als Physiker weiß man, was für eine unglaubliche Technik in so einem Atomkraftwerk steckt“, sagt er. „Und natürlich macht man sich auch seine Gedanken über Strahlung, Sicherheit und Atommüll. Ich will das produktiv nutzen.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Wenn es nach den Personalverantwortlichen der Unternehmen geht, in denen Franz Kattner gerne arbeiten würde, steht ihm eine schillernde Zukunft bevor: „Wir suchen allein aktuell mindestens 30 Absolventen für den Bereich Kernkraft, übers Jahr gerechnet, um ein Vielfaches mehr“, sagt Despina Kalfas, Personalmanagerin bei Eon-Kernkraft. „Während andere in der Krise Einstellungsstopps verkünden oder gar entlassen, hat unsere Branche stetigen Nachwuchsbedarf.“ Eine branchenweite Gesamtzahl der offenen Stellen ist zwar nicht zu bekommen. Doch Anfragen bei den großen Energieunternehmen zeigen, dass überall handfeste Nachwuchssorgen herrschen.

          In Deutschland ist der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt

          Beispiel Vattenfall: Im vergangenen Jahr wurden dort allein für die deutschen Kernkraftwerke 50 neue Mitarbeiter eingestellt, berichtet das Unternehmen. Trotzdem gibt es noch 40 offene Stellen in Krümmel, Brunsbüttel und Hamburg. RWE suchte 2009 rund 60 Mitarbeiter für den Bereich Kernenergie - und stellte 40 ein. EnBW berichtet gar von 170 Neueinstellungen im Kernkraftbereich im vergangenen Jahr. Spitzenreiter ist das französisch-deutsche Unternehmen Areva, das 2009 allein in Deutschland 800 offene Stellen im Kernenergiebereich zu vermelden hatte, wie Claire Dhénain aus der Personalabteilung berichtet.

          Der Fachkräftemangel in der Atomindustrie ist zwar in Deutschland besonders ausgeprägt. Doch klagt die Branche auch im restlichen Europa. „Gute Leute für den Kernenergiebereich zu rekrutieren ist eine echte Herausforderung“, sagt Jérôme Eymery, der sich für Areva um die Mitarbeiterwerbung kümmert. „Nur 10 Prozent der Leute, die wir für den Bereich Atomkraft einstellen, haben wirklich Qualifikationen in diesem Sektor.“ Also behilft man sich mit Ingenieuren aus den verschiedensten anderen Bereichen. Luft- und Raumfahrtleute sind beliebt oder auch Schiffbauingenieure. „Wir nehmen, was wir kriegen können, und satteln dann Zusatzqualifikationen drauf“, sagt Eymery. Ansonsten drohe Unterbesetzung.

          Die Schuld schieben die Personaler auf die Antiatomlobby und die politische Stimmung: „Atomkraft gehört nicht zu den beliebtesten Branchen“, sagt Eon-Personalmanagerin Despina Kalfas. „Ganz besonders in Deutschland.“ Vor allem die Debatten über den Atomausstieg hätten geschadet. „Während eine Legislaturperiode vier Jahre dauert, ist das Berufsleben eines jungen Uni-Absolventen etwa zehnmal so lang. Das gibt nicht gerade Planungssicherheit“, sagt Kalfas. Zudem kämpfe die Branche gegen die Demographie. „In den nächsten Jahren werden sehr viele erfahrene Fachkräfte in Rente gehen.“

          Die Krise sorgt für mehr Interessenten

          Momentan sehen die Personalabteilungen aber Licht am Horizont. „Wir erleben eine Renaissance der Atomkraft“, verkündete jüngst der Geschäftsführer des Belgischen Energieunternehmens Westinghouse, Sylvestre Viré. „Zum einen hilft uns die Debatte über den Klimawandel.“ Atomenergie gelte als Bestandteil in einem kohlendioxidärmeren Energiemix. Zum anderen sei die Wirtschaftskrise ein Grund dafür, dass sich wieder mehr junge Menschen für die Kernenergie interessierten. Despina Kalfas merkt den Effekt tatsächlich schon: „Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat sich bei Eon die Zahl der Bewerberanfragen verdoppelt. Immerhin.“ Die Imageprobleme seien dadurch aber nicht völlig gelöst.

          „Hier in Deutschland wird die Kernenergie dämonisiert“, sagt Student Franz Kattner. „Vor allem diejenigen, die wenig von der Technik verstehen haben umso mehr diffuse Ängste.“ Kattner selbst hat kein Problem mit den Kritikern. „Ich habe gute Argumente“, sagt er selbstbewusst. „Und die meisten Leute sind sehr offen, darüber zu diskutieren.“ Hat er gar keine Angst, dass in vier Jahren wieder eine andere Regierung ans Ruder kommt und die letzten deutschen Atomkraftwerke doch bald abgeschaltet werden? „Überhaupt nicht“, sagt Kattner. „Ich sehe das völlig pragmatisch. Selbst wenn sie morgen sämtliche Kernkraftwerke herunterfahren - der Müll ist da. Und er bleibt da, länger, als jedes einzelne Regierungsmitglied überhaupt am Leben sein wird.“ Für Strahlenschutz, Atommülllagerkonzepte und den Rückbau der Kraftwerke würden jede Menge Leute gebraucht, davon ist Kattner überzeugt. „Mein Beruf wird sehr viel sicherer sein als viele andere.“

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