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Die Stadt ruft : Ländlichen Regionen geht der Berufsnachwuchs aus

Grün und ruhig: Das saarländische Leidingen liegt an der Grenze zu Frankreich. Bild: dpa

Junge Menschen zieht es in die Städte, örtlich verankerte Fachkräfte gehen in Rente. Um betroffene Regionen attraktiver zu machen, empfehlen Forscher einen breiten Ansatz.

          Junge Menschen zieht es für Ausbildung und Berufseinstieg immer mehr in größere Städte. Dies verschärft nicht nur die Wohnungsknappheit dort, sondern auch den Mangel an Berufsnachwuchs in ländlichen Regionen – was deren wirtschaftliche Entwicklung hemmt. Einer neuen Studie zufolge wird sich das Problem bald sogar noch verstärken: Im kommenden Jahrzehnt erreichen mit den sogenannten Babyboomern besonders viele Fachkräfte den Ruhestand, die beruflich und privat zeitlebens in ländlichen Regionen verankert waren. Es werden also noch größere Lücken entstehen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Unternehmen in ländlichen Regionen falle es „immer schwerer, Auszubildende zu finden und selbst für ihre Fachkräftesicherung zu sorgen“, warnt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in der Studie, die der F.A.Z. vorliegt. Noch gebe es die Schwierigkeiten vor allem im Osten. Doch „vielen ländlichen Regionen in Westdeutschland steht ein ähnlicher Trend bevor, wenn die Abwanderung junger Leute nicht gestoppt werden kann“, so die IW-Forscher Alexander Burstedde und Dirk Werner.

          Wie schwierig die Ausgangslage im Osten ist, zeigen die Forscher mit einer regionalen Analyse des Ausbildungsmarkts – dort sei ein „gravierendes Nachwuchsproblem“ entstanden: Während im deutschlandweiten Durchschnitt je 100 qualifizierten Arbeitnehmern rechnerisch 7,1 junge Menschen in Berufsausbildung gegenüberstehen, sind es im Osten in fast allen ländlichen Regionen weniger als fünf. Auch innerhalb der westlichen Länder gibt es aber starke Unterschiede: Einige ländlich geprägte Regionen in Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz erreichen ebenfalls nur unterdurchschnittliche Werte. Dagegen stehen die Städte Heidelberg, Bonn und Freiburg mit mehr als 10 Auszubildenden je Arbeitnehmer an der Spitze.

          Breitbandausbau, mehr Berufsschulen, mehr Freizeitangebote

          Zugleich werden die Wanderungsbewegungen weg vom Land durch die steigende Studierneigung junger Menschen verstärkt. Denn der Weg an die Hochschule führt meist in die Stadt und nur selten wieder zurück. Auch dies beleuchtet die Studie mit Regionaldaten: Während durchschnittlich 16 Prozent der Beschäftigten Akademiker sind, beträgt der Anteil in vielen ländlichen Regionen unter 10 Prozent – leider auch dort, wo Betriebe qualifizierte Arbeitskräfte suchen, so die Forscher.

          „Für die betroffenen Regionen kommt hinzu, dass dort, wo Akademiker fehlen, insgesamt junge Leute fehlen“, schreiben sie. In der Folge der Fortzüge würden auf dem Land „zunehmend weniger Kinder geboren und großgezogen“. Dies aber treibe den Abwanderungskreislauf weiter an. Denn wo es wenig junge Menschen gebe, werde es schwierig, eine für sie attraktive Infrastruktur zu halten – etwa wohnortnahe Schulen und Berufsschulen.

          Das Bundeskabinett hatte als Ergebnis einer Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ kürzlich einen Maßnahmenkatalog beschlossen, der das Gefälle zwischen Stadt und Land insgesamt verringern soll. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand die Idee, hochverschuldete Kommunen mit Bundeshilfen zu entlasten, um ihnen mehr Gestaltungsspielraum zu geben. Davon würden vor allem Rheinland-Pfalz, das Saarland und Nordrhein-Westfalen profitieren. Die IW-Forscher empfehlen einen breiten Ansatz, um betroffene Regionen attraktiver zu machen – Breitbandausbau, mehr Berufsschulen und Freizeitangebote. Zudem sollten jungen Menschen „die beruflichen Perspektiven in ihrer Heimatregion frühzeitig aufgezeigt werden, um ihren Fortzug zu verhindern“.

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