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Gute Neue Arbeit : Was Menschen besser können als Roboter

Hier bin ich gern: Warum der Wohlfühlfaktor bei der Arbeit so wichtig geworden ist. Bild: Getty

Was ist am Arbeitsplatz wirklich wichtig? Autonomie und kollegiales Miteinander. Alles andere können Roboter bald auch.

          Jörg Lamprecht verdient rund 2500 Euro netto im Monat, hat einen langen Arbeitstag, ist 24 Stunden erreichbar, wird immer wieder nachts aus dem Bett geholt, nimmt sich Arbeit gewissermaßen in den Urlaub und in „freie“ Wochenenden mit und sagt von sich völlig überzeugt: „Ich liebe meine Arbeit.“ Die sieht er als Lebensaufgabe, die er sich gemeinsam mit seiner Frau gewählt hat. Der 58-Jährige ist SOS-Kinderdorf-Vater, könnte in drei Jahren in den Vorruhestand, will aber noch acht Jahre weitermachen, bis die ihm anvertrauten Kinder aus dem Gröbsten heraus und selbständig sind.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Es gibt immer wieder Geschichten wie die von Jörg Lamprecht, nicht nur in sozialen Berufen, sondern fast überall in der Arbeitswelt. Ob es die Wissenschaftlerin ist, die sich für die entscheidenden Minuten ihrer Experimente-Reihe die Nacht um die Ohren schlägt, der Friseur, der für strahlende Augen seiner Kundin eine extra Kopfmassage einschiebt, oder der Radioreporter, der am Adventssonntag aus dem Krisengebiet berichtet: all das geschieht oft aus einem zunächst objektiv unerklärlichen Antrieb heraus. Nicht für ein Lob, nicht für ein Trinkgeld und manchmal noch nicht mal, um anderen zu helfen. Sondern: weil es den Arbeitenden selbst glücklich macht. Sogar ein Fremdwort gibt es dafür: intrinsische Motivation – innerer Antrieb.

          Wie kriegt man diese Art Motivation? „Wer arbeitet, hat zwei Grundbedürfnisse“, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. „Dazuzugehören und zu zeigen, dass man autonom ist.“ Das Wichtigste, das ein Arbeitgeber zur Verfügung stellen könne, sei daher ein positives Klima und Gestaltungsraum. Beides hat Jörg Lamprecht in seinem Beruf als Kinderdorfvater gefunden. Der Katholik aus Thüringen ist einer der – noch – wenigen Männer unter den rund 4100 festangestellten Mitarbeitern des Vereins, die diesen Beruf ausüben. Er lebt seit sechs Jahren mit seiner Frau Eva-Maria, die ihn als Hauswirtschafterin und „gute Seele für alle“ unterstützt, und sechs Kindern im Alter von acht bis 15 Jahren in einem Haus im Kinderdorf Dießen am Ammersee. Die meisten der dort lebenden Schützlinge sind Sozialwaisen und können aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Die Lamprechts geben ihnen ein Zuhause auf Zeit und eine gute Perspektive.

          „Mach deinen Beruf zum Hobby“

          Für Lamprecht ist arbeiten am Wochenende, wie jetzt im Advent, selbstverständlich: Das Ehepaar steht um sechs Uhr auf, fährt nach dem Frühstück mit einigen Kindern nach München, um ein Mädchen und einen Jungen jeweils zu ihren leiblichen Müttern zu bringen, zwei Geschwisterkinder begleiten sie zum Friedhof, wo sich die Kinder mit Verwandten treffen. Dann holt Lamprecht eine Spielzeugeisenbahn bei einem Spender ab, später geht es gemeinsam zur Weihnachtsfeier in einer Tanzschule, wo eines der Mädchen einen Auftritt hat. Nach dem Abendbrot liegen die Kinder gegen 21 Uhr im Bett. Warum macht er das? „Für mich ist das eine Passion. Es war schon immer mein Traum, Kinderdorfvater zu werden, in der DDR ging das nicht.“

          Der ausgebildete Heimbetreuer, der viele Fortbildungen gemacht hat, erledigt selbst die Dokumentationspflicht ohne Murren, bei der er immerhin „sieben bis acht Institutionen pro Kind bedienen muss“. Besonders wichtig ist ihm: „Ein Kinderdorfvater geht nicht in Rente.“ Er und seine Frau bleiben im Leben der von ihm betreuten Kinder präsent. Kein Problem aus Lamprechts Sicht: „Mach deinen Beruf zum Hobby, und du brauchst nie mehr zur Arbeit zu gehen.“

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