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Gute Neue Arbeit : Was Menschen besser können als Roboter

Was aber passiert im Kopf eines arbeitenden Menschen, wenn diese innere Zufriedenheit fehlt? „Das Gehirn organisiert sich so, dass es möglichst wenig Energie verbraucht“, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther. „Wenn die eigenen Erwartungen sich nicht erfüllen, Probleme bei der Arbeit oder im Team auftreten, dann feuern die Nervenzellen wild durcheinander.“ Das mache sich auch körperlich bemerkbar: „Man kriegt weiche Knie, oder die Haare stellen sich auf.“ Was uns am stärksten in diesen Zustand versetzt: „Wenn die Beziehung zu anderen nicht stimmt oder wenn man zum Objekt gemacht wird – beispielsweise von seinem Vorgesetzten.“

Nie war das Thema so aktuell wie jetzt, in Zeiten der Digitalisierung, sagt Hüther. „Früher war es weniger schlimm als heute, wenn es klare Anweisungen gab, wenn Mitarbeiter funktionieren mussten, sie keinen Raum bekamen für die eigene Entdeckungsfreude.“ Mittlerweile sei das nicht mehr wünschenswert – wenn auch oft noch immer zutreffend: „Der normale Mitarbeiter hat sich daran gewöhnt, dass er tut, was ihm gesagt wird“, sagt Hüther. „Das funktioniert in einer digitalisierten Arbeitswelt immer schlechter. Genau die Menschen, die nur einen Zettel abarbeiten, sind nämlich hervorragend durch Maschinen ersetzbar.“

Lauter Gärtner, die ihre Rosen lieben

Hüthers Lieblingsbeispiel: „Wenn der Gärtner seine Rosen liebt, wird kein Roboter seinen Job ebenso gut machen können wie er. Wenn der Gärtner nur mit einem Laubbläser sein vorgegebenes Areal abarbeitet, kann man demnächst getrost einen Automaten losschicken.“ Es gebe allerdings nur wenige, die ihre Arbeit wirklich lieben, für die meisten ist sie Broterwerb, sagt Hüther. Zahlenfutter dazu liefert jedes Jahr die vielzitierte Gallup-Studie. Das Ergebnis 2018: Nur 15 Prozent fühlen eine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber; fünf Millionen Deutsche haben schon innerlich gekündigt; 71 Prozent der Befragten machen Dienst nach Vorschrift.

Menschen wie Jörg Lamprecht im SOS-Kinderdorf haben vielleicht durch die Natur ihrer Tätigkeit schon immer recht eigenverantwortlich gearbeitet. Wie schaffen es Führungskräfte aber auch abseits der sozialen Berufe, ein Team von Gärtnern zu haben, die ihre Rosen lieben? „Chefs müssen ihren Mitarbeitern Gestaltungsraum geben“, sagt Hüther. Wer als Führungskraft nur auf sein Ansehen und seine Macht bedacht sei, werde künftig weniger Erfolg haben. „Menschen sind keine Zahnpastatuben: Wenn man mehr drückt, kommt nicht zwingend mehr raus.“

Im Gegenteil: Vertrauen ist wichtiger als Kontrolle, zeigt die Forschung. In verhaltensökonomischen Experimenten von Armin Falk und Michael Kosfeld kam heraus, dass Mitarbeiter sich im Schnitt doppelt so stark anstrengen, wenn sich der Arbeitgeber dafür entscheidet, sie nicht zu kontrollieren. Erhebungen für den European Working Conditions Survey 2017, aus denen das Institut der Deutschen Wirtschaft in einer Studie zitiert, zeigen zudem, dass strenge Kontrollen durch Vorgesetzte nur bei zwei Prozent der Arbeitnehmer das Arbeitstempo erhöhen.

Vertrauen statt kontrollieren, gutes Klima statt ständigen Drucks – wie genau schafft man so eine Wohlfühlatmosphäre am Arbeitsplatz? Auch an den Arbeitsplätzen, an denen man nicht völlig offensichtlich täglich Gutes tut und sich um Waisenkinder kümmert? „Kaffee, Sport, nette Kollegen. Ich habe mal spontan Leute befragt“, sagt Anne Katrin Matyssek aus Köln. Die promovierte Psychologin hat schon vor zwei Jahrzehnten ein vielkopiertes Baumdiagramm zu wertschöpfender Führungstätigkeit entworfen und sich Gedanken darüber gemacht, was gutes Arbeiten ermöglicht.

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