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Interview zur Frauen-Debatte : „In der Karrierewelt nicht richtig erwünscht“

  • Aktualisiert am

Anja Bultemeier ist Politologin an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitherausgeberin des Buchs „Karrierechancen von Frauen erfolgreich gestalten“, erschienen im Springer-Gabler-Verlag. Bild: ISF München

Noch immer wird in Unternehmen nach durchsetzungsstarken Persönlichkeiten gesucht. Viele Frauen tun sich damit schwer, sagt die Politologin Anja Bultemeier im Interview.

          Frau Bultemeier, an Stelle der klassischen, steilen Kaminkarriere durchlaufen potentielle Führungskräfte heute eher eine so genannte Rotationskarriere mit vielen wechselnden Stationen. Eröffnet das Frauen neue Chancen?

          Immerhin bietet sie Anknüpfungspunkte für neue Chancen, führt aber nicht automatisch zum Erfolg. Die Rotationskarriere zielt auf Erfahrungsbreite, dafür sind interne Wechsel Voraussetzung, nationale wie internationale. Im Moment wirkt sich das auf Frauenkarrieren noch negativ aus, vor allem wegen der Standortwechsel. Andererseits entstehen neue Spielräume, um Karriere auch nach privaten Belangen zu gestalten. Wenn ich weiß, dass ich in den nächsten drei Jahren keine Familie gründen möchte, bietet sich zum Beispiel das Projektgeschäft an. Denke ich an Familie, wäre ein Backofficebereich geeigneter. Das setzt aber voraus, dass Beschäftigte langfristig planen und Unternehmen sie dabei unterstützen.

          Karriereschritte werden heute häufig in sogenannten Kalibrierungsmeetings beschlossen. Dort entscheiden Führungskräfte auf Basis definierter Standards darüber, wer aufsteigt. Das hört sich doch vielversprechend an?

          Ja, das ist ein vielversprechender Ansatz. Wir waren von dem Instrument begeistert. Man schaut sich die Mitarbeiter gemeinsam hat, jede Führungskraft muss sich rechtfertigen. Aber es gibt zwei Fallen. Erstens die Kriterien: Oft wird nur nach dem durchsetzungsstarken Leader gesucht. Das assoziiert man nicht mit Frauen. Die zweite Falle ist die Inkonsequenz der Verfahren. Zwar werden die Karrierekandidaten sachlich ausgewählt, wenn es dann aber zur tatsächlichen Stellenbesetzung kommt, nicht berücksichtigt. Hier wird nach persönlichen Kriterien entschieden und Frauen haben das Nachsehen.

          Offenkundig etabliert sich ein Karrieretyp, der sich machtvoll nach außen positioniert. Vielen Frauen fällt es schwer, sich so zu exponieren. Ziehen Sie da den kürzeren?

          Vielfach ja. Wer Karriere machen möchte, der muss Themen von einer gewissen Größenordnung treiben, die unternehmensweit sichtbar sind. Ich muss mich positionieren und zeigen: Ich als Person bin wichtig für das Unternehmen. Das fällt vielen Frauen schwer. Verständlich wird das durch ihre Erfahrungen: Sie erleben, dass sie in der Karrierewelt nicht richtig erwünscht sind und dass sie nicht in das Schema passen.

          Und der Anspruch der steten Verfügbarkeit etwa für Dienstreisen, egal wann und wohin?

          Die Erwartungen sind massiv angestiegen. Oft wird Verfügbarkeit mit Leistung verwechselt. Nur wer demonstriert, dass er immer verfügbar ist, wird ernst genommen. Das ist eine ideologische Verformung, man bräuchte da eine Diskussion ohne Tabus.

          Was können Frauen tun, um Karriere zu machen, sichtbarer zu werden und nicht durch das Wahrnehmungsraster ihrer Vorgesetzten zu fallen?

          Zusatzaufgaben übernehmen, die jenseits ihrer normalen Funktion sind, als eine Art Bewährungsprobe für Höheres. Kommunizieren, dass sie Karriere machen möchten, in Mitarbeitergesprächen Rückmeldungen einholen. Bekräftigen: Ich will mich weiterentwickeln. Zuerst muss man immer den unmittelbar Vorgesetzten von sich überzeugen. Und schließlich Druck machen. Chefs sagen manchmal, die Frau verhält sich zögerlich, der Mann rennt mir die Bude ein, wenn ich ihn nicht befördere. Wichtig ist auch, Karriere langfristig zu planen und zum Beispiel während der Elternzeit den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Sonst besteht die Gefahr, dass Frauen auf Arbeitsplätzen landen, die sie unterfordern und auf denen sie ihr Talent nicht mehr zeigen können.

          Frauen fühlen sich verantwortlicher für die Familie, aber die sogenannte „Sorgearbeit“ und der Beruf ergeben in der Praxis zusammen kein Ganzes und lösen nachweislich eine „innere Zerrissenheit“ aus. Wie lösen Frauen dieses Dilemma?

          Im Grunde gar nicht. Das klappt nur gut, wenn der Mann zu Hause bleibt. Alle anderen suchen Kompromisslösungen. Es hat uns erschreckt zu sehen, welche Belastungen Frauen aushalten, die es tatsächlich wagen, Kinder zu haben und Karriere zu machen. Das ist von beiden Seiten ein fragiles Gebilde. Frauen müssen viel organisieren, nicht nur einen Plan B, sondern einen Plan C haben. Die andere Seite: Sie sind im Unternehmen nicht stabil integriert, sind von der Akzeptanz von Kollegen und Vorgesetzten abhängig. So versuchen sie ein Gleichgewicht zwischen ihren zwei schlechten Gewissen zu finden und wenn sie auf Teilzeit gehen, verlieren sie ihre Karrierechancen.

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