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Xing-Chef Vollmoeller : „Bewerber haben heute viel mehr Macht“

  • Aktualisiert am

Wer heute eine Stelle sucht, tut dies häufig im Netz, beispielsweise über das soziale Jobnetzwerk Xing. Bild: dpa

Patchwork-Arbeiter, die auf Elternzeit und flexible Zeitmodelle pochen: Die Arbeitswelt steht vor einem Paradigmen-Wechsel, sagt Xing-Chef Thomas Vollmoeller. Und wünscht sich deshalb mehr Antiautorität.

          Herr Vollmoeller, wann haben Sie zuletzt einen Lebenslauf per Hand verfasst?

          Ich glaube, das habe ich noch nie gemacht. Meine ersten Lebensläufe habe ich auf der Schreibmaschine getippt. Irgendwann waren wir dann die erste Wohngemeinschaft mit einem PC. Wieso fragen Sie?

          Weil die Handschriftform durchaus noch üblich ist. Das wirkt angesichts der Digitalisierung und beruflicher Netzwerke wie Xing fast schon anachronistisch. Ist die Zeit des Lebenslaufs vorbei?

          Ich glaube vor allem, die Inhalte von Lebensläufen ändern sich und wie man mit ihnen umgeht. Heutzutage zeigen sie neben den beruflichen Stationen immer auch ein Stück von sich selbst, es ist wichtig, wofür jemand steht und was ihn antreibt. Lebensläufe werden immer unterschiedlicher und facettenreicher.

          Was treibt diese Veränderung an?

          Unsere Arbeitswelt differenziert sich immer stärker aus. Das ist im Arbeitsleben nicht ganz unähnlich zu privaten Partnerschaften. Natürlich gibt es weiterhin Menschen, die gezielt klassisch Karriere machen wollen. Auf der anderen Seite gibt es aber eine neue Vielzahl von ganz verschiedenen alternativen Modellen, von der Freiberuflichkeit über serielle Festanstellung bis hin zu allerlei Teilzeitmodellen. Man könnte sagen: Genauso wie heute Patchwork-Familien existieren, gibt es Patchwork-Arbeiter.

          Das klingt nach mehr Mühe für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

          Das kommt immer auf die Perspektive an. Dahinter stehen die Tendenzen, die gerade ganze Gesellschaften verändern: die Digitalisierung, die für Transparenz und Offenheit auf dem Arbeitsmarkt sorgt. Und der Wertewandel, in dem sich Leute öfter und radikaler die Sinnfrage stellen. Dazu kommt die demographische Entwicklung in Deutschland. Heute haben Bewerber viel mehr Macht. Sie sind immer häufiger in einer Position, in der sie sich den Arbeitgeber aussuchen können. Das bietet viele Chancen. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die das als Bedrohung empfinden.

          Sie sehen eher die Chancen?

          Ich bin grundsätzlich ein Optimist. Und mich begeistert es, wenn ich sehe, dass die Möglichkeiten, die etwa meine Töchter in ihrem Arbeitsleben haben werden, viel größer sind, als das in meiner Generation der Fall war. Sie haben heute andere Wege, sich über Arbeitgeber zu informieren, können sich ausprobieren und aus einer Vielfalt an Möglichkeiten das individuell Beste für sich aussuchen.

          Aber eine solche Wahlfreiheit verunsichert viele Menschen.

          Ja, denn die Regeln ändern sich. Früher gab es einen Konsens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Der Arbeitgeber sagte: Du kannst bei mir arbeiten, wenn du loyal bist. Diese vertikale Loyalität hat sich in den vergangenen 40 Jahren de facto aufgelöst. Daraus ergibt sich aber die Notwendigkeit, horizontale Loyalitäten aufzubauen, also zwischen den Arbeitnehmern, und zum Beispiel Netzwerke zu bilden. Dazu kommt: Man muss nicht mehr von 8 bis 17 Uhr die Arbeitszeit absitzen. Ich habe zum Beispiel gerade den Arbeitsvertrag eines neuen Software-Ingenieurs unterschrieben, der erst einmal ausgehandelt hat, im Sommer zwei Monate Sonderurlaub zu machen. Meine Überzeugung ist, dass unsere Kinder sich später nicht mehr vorstellen können, wie wir einst gearbeitet haben. Ich bin als Unternehmensberater in mein Arbeitsleben gestartet und habe nachts um elf mit Blick auf die Frankfurter Oper am Kopierer gestanden und mich gefragt, warum die Menschen überhaupt Zeit haben, in die Oper zu gehen. Das war damals der einzige Weg, um Karriere zu machen. Meine Töchter möchten nicht so arbeiten.

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