https://www.faz.net/-gyl-96g58

Interkulturelles Training : Fremdsprachen reichen nicht

Manager aus dem Westen in China: Disney-Chef Bob Iger bei einem Besuch in Schanghai Bild: AP

Arbeitgeber sind darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeiter im Ausland sicher und höflich auftreten. Sie wollen ihre Leute fit für fremde Kulturen machen. Bloß wie?

          Der Ausraster eines Daimler-Managers in Peking vor gut einem Jahr war spektakulär. Er bringt das Dilemma von „Expats“, also ins Ausland entsendeten Mitarbeitern, auf den Punkt. Weil der Angestellte des schwäbischen Konzerns im Disput mit Chinesen völlig überfordert war, verlor er prompt die Nerven. Nachdem er auf einem Parkplatz mit Einheimischen in einen Streit geraten war, soll er die Stimmung mit dem Einsatz von Pfefferspray und üblen Beschimpfungen angeheizt haben. Der Sturm der Entrüstung in chinesischen Netzwerken ließ nicht lange auf sich warten: Erst kursierten Meldungen über die „Arroganz eines Herrenmenschen“, dann der Aufruf, die Autos von Daimler zu boykottieren.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für deutsche Unternehmen, die seit Jahrzehnten vom florierenden Export und von einer starken Präsenz in Übersee leben, sind solche Exzesse ihrer Expats ein Desaster. Gerade Autohersteller, die auf schnelles Wachstum in Asien angewiesen sind, riskieren bei öffentlichen Ausfällen ihrer Repräsentanten viel. So stand damals für Daimler der gute Ruf eines Arbeitgebers im Feuer, der allein in China 24 000 Mitarbeiter beschäftigt.

          Expats sind Botschafter des Unternehmens

          Nicht nur wegen der Bedeutung des Auslandsgeschäfts bereiten Personalmanager ihre Mitarbeiter oder Führungskräfte immer akribischer vor, bevor sie sie auf Touren durch die Welt schicken. Ihnen ist auch die Tatsache wichtig, dass die Kollegen im Ausland „Botschafter des Unternehmens“ sind und dabei deren Werte sowie die ihres Landes angemessen vertreten.

          Sprachkurse oder die Kenntnisse wichtiger Benimmregeln, Tischsitten oder Begrüßungsfloskeln reichen für solche Missionen keineswegs aus. Immer wichtiger ist stattdessen, dass die Expats neben einem tiefen Verständnis für den kulturellen Kontext auch die soziale Kompetenz mitbringen, um für den Alltagsstress im Ausland gewappnet zu sein und Konflikte vor Ort elegant zu meistern.

          Die Kriterien für die Personalauslese fallen anspruchsvoll aus. Neben der fachlichen Qualifikation sollten Kandidaten mental stabil und von ihrem Charakter her gefestigt sein, um sich in wechselnden Arbeitsumfeldern möglichst souverän zu bewegen, lautet der Tenor in Umfragen von Personalmanagern. Regelmäßige Schulungen im Rahmen der Personalentwicklung sind daher Pflicht. Der Stoff, der in den Seminaren von konzerneigenen Ausbildern oder externen Spezialisten vermittelt wird, ist entsprechend vielfältig. Er reicht beispielsweise vom klassischen Konfliktmanagement, bezogen auf unterschiedliche Kulturen, bis hin zur Schulung von „kultursensibler Kommunikation“, die auf religiöse Besonderheiten oder bestimmte Bräuche des jeweiligen Landes Rücksicht nimmt.

          Führung hat in China eigene Regeln

          „Gerade in China funktioniert die Führung von Mitarbeitern grundlegend anders, als ausländische Manager das gewohnt sind“, sagt Ma Jianhong, Professor für Psychologie an der renommierten Zhejiang-Universität in Hangzhou. Nach seinen Erkenntnissen aus der Beratung würden die im Westen vermittelten Managementtechniken im Betriebsalltag versagen, wenn sie nicht an die Kultur im Reich der Mitte angepasst werden.

          Angesichts der Fülle an Aufgaben hat sich in Deutschland eine eigene Trainer-Zunft für Expats etabliert. Dabei buhlen hartgesottene Management-Profis, Sprachlehrer, Wissenschaftler für interkulturelles Training und „Knigge-Akademien“ um lukrative Aufträge von Konzernen und großen Mittelständlern, die zum Teil regelmäßig mehrere Hundert Mitarbeiter im Jahr ins Ausland schicken. Je nachdem, ob es sich um externe Berater oder um weltläufige Personalmanager im Konzern handelt, kristallisieren sich für die Schulungen von Expats unterschiedliche Schwerpunkte heraus.

          Bernhard Reisch etwa ist Psychologe und Volkswirtschaftler und war lange in der Wissenschaft und als Berater in Asien und Afrika tätig. Im Jahr 1990 gründete er zusammen mit einem Partner das Institut für Interkulturelles Management. Dort bereitet der China-Spezialist die Mitarbeiter von großen und mittelständischen Unternehmen auf das Berufsleben in Asien vor.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.