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Ingenieurmangel : Linde, Siemens und MAN fassen wieder Mut

Berg- und Talfahrt: Jetzt sucht MAN wieder neue Mitarbeiter Bild: ddp

„Händeringend gesucht“ hieß es lange auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure. In der Krise hat der Druck abgenommen. Jetzt geht die Suche für Unternehmen wie Linde, Siemens und MAN abermals los.

          Das Krisenjahr 2009 hat nur kurze Zeit die Perspektiven verzerrt. „Wir haben auch im vergangenen Jahr eingestellt, wegen der Krise waren wir aber eher zurückhaltend damit“, sagt Jörg Schwitalla, Personalvorstand des MAN-Konzerns. Der Münchener Nutzfahrzeughersteller und Industriekonzern hat turbulente Zeiten hinter sich, brach doch die Nachfrage nach Lastwagen und Bussen in kürzester Zeit ein.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Stellen abgebaut hatte MAN in der bislang schwersten Krise nicht. Aber Kurzarbeit gab es, von der Ingenieure genauso betroffen waren wie die Mitarbeiter in Verwaltung und in Produktion. „Die Luft wurde ziemlich dünn“, erinnert sich Schwitalla. Das ist heute fast vergessen: Schnell hat sich der Konzern erholt und will in diesem Jahr sogar die Rekorde von 2008 übertrumpfen. „Die Konjunktur zieht an, und wir stellen verstärkt ein, der Arbeitsmarkt der Ingenieure läuft wieder richtig hoch.“ Ingenieure, die vor einem Jahr das Studium abgeschlossen hatten und keinen Job fanden, könnten nun wieder „hineinschlüpfen“.

          Neue Auswahlstrategie

          Anders bei Linde. Einen Einstellungsstopp gibt es nicht, aber mit den Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre hat sich die Philosophie in der Rekrutierung verändert. Nach wie vor sucht der Industriegasehersteller und Anlagenbaukonzern Maschinenbauer, Verfahrenstechniker und Elektrotechniker, die Prozess- und Fertigungsanlagen etwa in der Chemie- und Mineralölindustrie bauen sollen. Aber: „Es gibt derzeit eine Veränderung in der Strategie unseres Auswahlprozesses“, sagt Stefan Kauth, Leiter Personalentwicklung und Ausbildung im Linde-Konzernbereich Anlagenbau. „Wir stellen weniger Absolventen ein, stattdessen suchen wir Ingenieure, die bereits Berufserfahrung haben.“ Die Berufserfahrenen sollen nach kurzer Zeit die meist im Ausland abzuwickelnden Projekte leiten und damit Verantwortung übernehmen. Sie müssen schnell einsetzbar sein und Erfahrung in ihrer Tätigkeit sowie in Teamarbeit mitbringen, die Absolventen nicht haben. Vor Ort werden weitere, meist günstigere Ingenieure rekrutiert. Allein in Indien beschäftigt Linde rund 600 Ingenieure.

          Vorteil dieser Strategie ist, dass Linde im komplexen Bau etwa von Raffinerien flexibler agieren und eine kleinere Mannschaft vorhalten kann, was ein wichtiger Kostenfaktor ist. Denn der Dax-Konzern musste in den zurückliegenden beiden Jahren auch erleben, dass in dem ohnehin stark schwankenden Anlagenbau mitunter ein Projekt verschoben oder gar storniert wurde. So gesehen hat Linde auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert - mit entsprechenden Auswirkungen: Vor der Krise stellte das Unternehmen jährlich 150 bis 160 Ingenieure ein, davon zwei Drittel direkt von der Hochschule, den Rest aus dem Berufsalltag. In diesem Jahr sind es 30 Ingenieure, von denen die meisten Berufserfahrene sind.

          MAN fährt den Motor wieder hoch

          Im Gegensatz zu Linde fährt MAN seinen Motor wieder hoch. Insgesamt beschäftigt der Konzern 3000 Ingenieure, 11 Prozent der im Inland beschäftigten 27 000 Mitarbeiter. Aktuell sucht MAN knapp 200 Ingenieure. Schwierigkeiten, die Stellen zu besetzen, sieht Vorstand Schwitalla nicht. Denn der Bekanntheitsgrad macht MAN als Arbeitgeber attraktiv. Kleine und mittelständische, damit weniger bekannte Unternehmen müssen im Vergleich dazu härter kämpfen.

          Nicht so Siemens. Der Industrie- und Elektrokonzern sucht und findet, bewegt sich aber mit den Einstellungen immer noch nicht auf dem Niveau früherer Jahre. Mehr als 3000 Mitarbeiter werden benötigt. Davon entfallen etwa 88 Prozent auf Hochschulabsolventen und 80 Prozent auf Ingenieure (Maschinenbau, Elektrotechnik), Informatiker sowie andere Naturwissenschaftler. Es hat Zeiten gegeben, da suchte der Konzern „händeringend“ allein bis zu 3000 Ingenieure. Doch agierte auch Siemens im vergangenen Jahr vorsichtig, da unklar war, wie das Unternehmen durch die Krise kommt. Es läuft nun wesentlich besser als erwartet. Zurzeit werden in Deutschland 320 Maschinenbauingenieure und 640 Elektrotechniker gesucht. Der Bedarf ist da und kann gedeckt werden.

          Unabhängig von den kurzfristigen Entwicklungen ändert sich am langfristigen Trend nichts. Sowohl MAN-Vorstand Schwitalla als auch Linde-Personalmanager Kauth ist klar: Der Mangel an Fachkräften wird zunehmen; es sei denn, die große Technikbegeisterung bei Kindern und in den Schulen bricht plötzlich aus - was unwahrscheinlich ist. „Mit Blick auf die demographische Entwicklung wird es über kurz oder lang erforderlich sein, auch im Ausland Ingenieure für Aufgaben in Deutschland zu rekrutieren“, erwartet Kauth Engpässe. Die Erklärung hat Schwitalla parat: „Auf Dauer gehen mehr Ingenieure raus, als dass Neue reinkommen.“

          Was der MAN-Personalchef etwas flapsig formuliert, kommt einem Hilferuf gleich. Laut Statistischem Bundesamt haben 2008 rund 260 000 Absolventen die Universitäten in Deutschland verlassen; 42 600 oder 16 Prozent entfielen auf ingenieurwissenschaftliche Studiengänge. In China haben im selben Jahr von den 23 Millionen Absolventen etwa 8 Millionen einen Ingenieursabschluss geschafft; ein Anteil von 35 Prozent. Damit zeichnet sich nicht nur ab, dass der Wettbewerb um die Fachkräfte in Deutschland hart wird. Auch im internationalen Vergleich kommen auf den Standort neue Herausforderungen zu. „Wir müssen früh anfangen, die Studenten an uns zu binden“, spricht Schwitalla für alle, nicht nur für MAN. Früh knüpft der Konzern Kontakte im Zuge seiner Campus-Initiative, bietet Praktika an und unterstützt Diplom-Arbeiten. Mit Erfolg. „Die Hälfte der Absolventen, die wir einstellen, kennen wir schon“, sagt der Manager,

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