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Textil-Ingenieure : Tüfteln im Faserland

Strippenzieher: In den Hallen des Aachener Instituts geht es um verschiedenste Fasern. Bild: Peter Winandy

T-Shirts aus Mais, Kontrabässe aus Carbon, Beton aus Fasern – und am BH lässt sich auch was machen. Textilingenieure tüfteln auf breitem Terrain. Ein Besuch an der RWTH Aachen.

          Wie bitte, du verbringst den Tag mit Stricken und arbeitest woran? Entgeistertes Nachfragen ist Christoph Peiner gewohnt. Er steht in Halle 1 des Technikums und stellt auf einer fast drei Meter hohen Rundstrickmaschine einen Sport-BH her, das Körbchen ist in der 3D-Form einprogrammiert. 960 Nadeln drehen sich im Kreis, gekoppelt sind sie an 24 Stricksysteme. „Da müssten viele Omas lange dran stricken“, scherzt Promovend Peiner. Die Idee, neue Nähtechniken, die Zuschneiden und Verschnitt ersparen, an Büstenhaltern zu testen, stammt übrigens nicht von Peiner selbst, sondern von seiner Vorgängerin, einer jungen Ingenieurin, die mittlerweile beim TÜV arbeitet und mit Halbkugelformen experimentiert hat.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Der Doktorand hält den BH hin: Bitte mal anfassen, sieht gut aus, hält, ist fast zu stabil. Der Mann im lässigen Hoody ist einer der aufstrebenden Ingenieure mit dem Vertiefungsfach Textil, der sich tatsächlich mit dem beschäftigt, was sich Laien unter der Arbeit von Textilingenieuren vorstellen, unter denen der Frauenanteil 30 Prozent erreicht. Ab und an muss er sich „Strickhansel“ nennen lassen. Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt, wie ein Rundgang durch das stylische Institut für Textiltechnik (ITA) der Aachener RWTH zeigt.

          „Fasern sind eine ganz besondere Werkstoffklasse und haben eine enorme Gestaltbarkeit. Die Eigenschaften sind faszinierend und die möglichen Arten der Verarbeitung äußerst vielfältig“, sagt Direktor Thomas Gries und schiebt den flotten Slogan hinterher: „Wir beschäftigen uns mit allem von der Heckklappe bis zur Herzklappe.“ 15 Millionen Umsatz macht das Institut, das zum Fachbereich Maschinenbau der Exzellenzuni gehört.

          „Textiltechnik ist ein Innovationsmotor“

          Auf dem Campus Melaten nah dem Universitätsklinikums forschen rund 100 Wissenschaftler in dieser Querschnittstechnik, hinzu kommen 250 Mitarbeiter. Professor Gries scheint sie an der langen Leine laufen zu lassen. Die Atmosphäre wirkt auf den Außenstehenden entspannt. Vielleicht liegt das in der Natur der Sache und bestätigt positive Vorurteile: Ingenieure sind lösungsorientiert, tüfteln gern. Im ITA beschäftigen sie sich mit faserbasierten Werkstoffen und ihrer Anwendung. „So dünn und lang Fasern sind, so groß ist ihre Anwendungsbreite. Sogar aus Basaltgestein kann man Fasern machen. Wir begleiten die Prozessstufen bis zum Endprodukt, das ist das Spannende und das Komplizierte“, sagt Bernhard Schmenk, der die Unternehmensentwicklung leitet. „Textiltechnik ist ein Innovationsmotor, in jedem Automobil sind mindestens 30 Kilo Textil enthalten.“

          Zum Auftakt des Besuchs schleppt Hans-Christian Früh einen Kontrabass in ein Besprechungszimmer und stellt vor: „Er ist aus Carbonfaser gewebt, entstanden wie Stoff auf einem klassischen Webstuhl. Er klingt schön, ist robust, wetterfest, wir benutzen keine seltenen Hölzer, die sich bei Klimawechsel verziehen, der Hals ist abnehmbar, das heißt, man kann ihn komplett im Flieger mitnehmen im Frachtcontainer wie einen normalen Koffer.“ Früh, der in den letzten Zügen seiner Doktorarbeit über Automatisierung steckt, skizziert das Transportproblem. Während eine Geige vergleichsweise robust sei, ist ein Bass fragil, weil seine Wand groß und dünn sei. Das hört sich überzeugend an. Und ebenso überzeugend höre sich auch das Instrument an, wenn man es spiele, betont der Ingenieur, der selbst Cellist ist. Nur der allererste gebaute Carbonbass habe nicht gut geklungen. „Jetzt haben wir ernstzunehmende Instrumente, für die wir ein neues Verständnis von Carbon als Akustikwerkstoff erarbeiten. Die Schallgeschwindigkeit ist höher, der Ton ist schneller da.“ Selbstbewusst erklärt er: „Das ist typisch für uns. Am Ende wird unser Forschungsergebnis immer in den Markt eingeführt.“

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