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Studienabbrecher : „Viel Motivation geht verloren“

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Mehr Studienanfänger wollen Ingenieure werden. Doch geht es ihnen nur um gute Jobchancen und Verdienstmöglichkeiten? Bild: dapd

Nur die Hälfte der Erstsemester im Ingenieurstudium hat Mathe-Leistungskurs gehabt. Zu viele schielen nur auf gutes Geld und sichere Jobs. Ist es da ein Wunder, dass jeder zweite abbricht? Ein Professor erklärt, wie er die Lage ändern will.

          Herr Professor Dehling, Sie möchten etwas tun gegen die hohen Abbrecherquoten im Ingenieurstudium. Muss eine Universität die Studenten heute mehr an die Hand nehmen als früher?

          Nein, das Problem gab es schon zu meinen Studienzeiten in den siebziger Jahren. Es geht uns heute aber mehr als früher um jeden einzelnen. Auch braucht die Wirtschaft Ingenieure, und es ist eine große Ressourcenverschwendung, wenn jeder zweite das Studium abbricht. Der Schritt von der Schule zur Hochschule ist enorm, und viele tun sich eben damit schwer, die passenden Lern- und Arbeitstechniken zu finden.

          Wie helfen Sie ihnen dabei?

          Wir lassen alle schon nach vier Wochen eine Probeklausur schreiben - nicht über Grundlagenwissen, sondern nur über den neuen Lehrstoff. Wer da schon Probleme hat, dem fehlt es oft nicht an den Fähigkeiten, sondern an den richtigen Lerntechniken. Diesen Studierenden bringen wir in einem einsemestrigen Kurs bei, wie man an der Universität Vorlesungen nacharbeitet und regelmäßig lernt. Aber nur, wenn sie wollen. Sie müssen sich dann in einem Vertrag verpflichten, für ein Semester teilzunehmen. Es geht an der Uni nicht mehr, wie an der Schule, sich nur einen Tag vor der Klausur vorzubereiten. Viele Studenten merken das aber zu spät und brechen dann frustriert das Studium ab.

          Der Mathematikprofessor Herold Dehling schließt mit seinen Studenten Verträge über Seminarbesuche ab.

          Gibt es viele Abbrecher, die fachlich und methodisch gut sind, aber denen das Studium einfach zu öde ist?

          Ja, für die haben wir auch ein Angebot, es heißt Mathepraxis für Studierende. Viel Motivation geht in den ersten Semester verloren, weil da nur Grundlagenfächer unterrichtet werden. In diesem Kurs bieten wir parallel Anwendungsbezug.

          Sie fördern mit dem Projekt, das es auch an anderen Hochschulen gibt (www.lehrehochn.de), also die besonders starken und besonders schwachen Studenten?

          Schwache - das Wort gefällt mir nicht, nun ja, aber man kann es so sagen.

          Sie selbst haben in den siebziger Jahren studiert. Sie kamen damals doch auch ohne Förder-Programm aus, oder?

          Ja, ich habe das schnell gemerkt, wie man an der Uni lernen muss, sonst säße ich heute nicht hier auf dem Lehrstuhl.

          Mangelt es den Studenten heute an Selbständigkeit?

          Ach, ich weiß nicht. Ich bin nicht dafür, immer über die junge Generation zu schimpfen. Ich glaube nicht, dass alles immer schlimmer wird, wir haben auch heute einen Großteil phantastisch motivierter Studierender. Die wissen genau, was sie wollen. Es geht um vielleicht 20 Prozent, die motiviert sind und fachlich kompetent, aber denen es an Selbstorganisationfähigkeit mangelt.

          Wie sind die Erfolge Ihrer Lernhilfe, die auch vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert wird?

          Das Projekt gibt es seit knapp vier Jahren, im Sommer wissen wir, wie viele der ersten Teilnehmer ihren Bachelorabschluss geschafft haben. In den ersten Jahren haben von allen Studenten rund 60 Prozent die Matheklausuren bestanden, von den Teilnehmern der Projektgruppe waren es 70 Prozent. Das deutet auf einen Erfolg hin.

          Steigt allgemein das Interesse am Ingenieurstudium?

          Ja, sehr. Allein in Bochum gibt es heute doppelt so viele Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften wie vor zehn Jahren. Viele schreiben sich ein wegen der guten Arbeitsmarktchancen und großen Verdienstmöglichkeiten.

          Sind diese Studenten am Fach genügend interessiert?

          Nicht alle. Der Anteil nicht intrinsisch motivierter Studenten steigt überproportional, ist mein Eindruck.

          Sind auch deswegen die Abbrecherquoten so hoch?

          Dafür gibt es viele Gründe. Ich will das Problem aber nicht überdramatisieren. Wir sind eben ein offenes Hochschulsystem, und viele bemerken in den ersten Monaten: das Fach ist nichts für mich. Oder sie entscheiden sich, eine Ausbildung zu machen. Von vielen wissen wir nicht, warum sie abbrechen. Sie kommen oft nicht mal zu den ersten Prüfungen.

          Woran mangelt es den Abbrechern denn fachlich?

          Ich bin überrascht, dass nur die Hälfte der Erstsemester einen Leistungskurs in Mathematik an der Schule belegt haben. Physik-LK hatten sogar nur 10 Prozent. Dabei sind diese Fächer elementar wichtig im Studium. Man kann es nachholen, wir fangen im Prinzip bei null an. Aber es ist ein Vorteil, Mathe-LK an der Schule gehabt zu haben, und ich empfehle es allen, die Ingenieur werden möchten.

          Wie sind Ihre ersten Erfahrungen mit den - sehr jungen - G8-Studenten?

          Die Erfahrungen sind gut. Die ersten haben jetzt die Grundlagenklausuren geschrieben, und es haben 75 Prozent die Matheklausur bestanden, weit mehr als der langjährige Schnitt. Einige fachliche Dinge sind ihnen andererseits noch nicht bekannt, etwa Logarithmusfunktionen, die nun nicht mehr am Gymnasium behandelt wurden.

          Wenn zu viele das Studium nicht schaffen, könnten Sie doch einfach die Anforderungen herabsenken.

          Nein. Das wäre unverantwortlich, die Ingenieure müssen später Flugzeuge bauen oder Brücken, die nicht zusammenkrachen sollen.

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