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Solarautos : Wettrennen Marke Eigenbau

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Je früher die Schüler mit dem Thema in Berührung kommen, desto besser: Yoshua Schmitt und Oliver Bajge Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Bei dem bundesweiten Wettbewerb „SolarMobil Deutschland sollen schon Jugendliche für technische Berufe begeistert werden. Denn Nachwuchs wird händeringend gesucht.

          Vier rosa Räder mit geschwungenen Speichen, eine schmale dunkle Fläche auf dünnen Achsen: Filigran und flink sieht das Solarauto von Yoshua Schmitt aus. Sobald er die helle Lampe darauf richtet, rollt es an und flitzt über den Tisch. Mit seinem selbstgebauten Gefährt tritt der Sechzehnjährige bei dem bundesweiten Wettbewerb „SolarMobil Deutschland“ gegen 159 andere Jugendliche an. Die 63 Teams, die in regionalen Entscheiden gewonnen haben, schicken am 20. September ihre Eigenkonstruktionen ins finale Rennen in Frankfurt.

          Yoshua hat schon im vergangenen Jahr an „SolarMobil“ teilgenommen. „Technik war schon immer mein Ding“, sagt er. Im August hat seine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der Samson AG in Frankfurt begonnen. Er will in der Technikbranche arbeiten, weil er es wichtig findet, immer am Ball zu bleiben. Die Räder für das Solarmobil kommen aus seinem eigenen 3D-Drucker.

          Nur wenige Schüler interessieren sich für das Thema

          Jugendliche wie Yoshua sucht der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) händeringend. Mit dem Wettbewerb reagiert er mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf den Mangel an Ingenieuren. „Es geht um den Nachwuchs für technische Berufe“, sagt Nicole Klän vom VDE. Das Interesse an den MINT-Fächern - also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik - sei gering. Nach Berechnungen des VDE zeigt immerhin ein Drittel der Jugendlichen eines Jahrgangs ein generelles Interesse an Technik, 11 Prozent am Ingenieursberuf. Seit vier Jahren richten VDE und BMBF das Finale des Wettbewerbs für Jugendliche im Alter von elf bis 18 Jahren aus. Die meisten jungen Tüftler nähmen über Schulprojekte an den Wettbewerben teil, sagt Klän.

          Aus seiner Technik-AG an der Dreieichschule im hessischen Langen weiß Alexander Fürst, dass sich nur wenige Schüler wirklich für das Thema interessieren. „Mit dem Wettbewerbsgedanken lassen sich die Schüler gut motivieren“, sagt der Mathe- und Physiklehrer. Vielen mangele es aber an den grundlegenden handwerklichen Fertigkeiten. Sie sollen bei ihm lernen, wie sie zwei Holzteile verkleben, eine Skizze zeichnen oder eine Feile benutzen. Er überrasche die Schüler gerne mit einer selbstgebastelten bionischen Greifhand. Die sei nämlich aus Papier, könne aber tatsächlich zupacken. Fürst unterstützt die beiden Oberstufenschüler Richard Papst und Simon Arendt bei dem Solarwettbewerb. Sie haben bei der Konstruktion ihres Fahrzeuges gemerkt, dass es oft an Kleinigkeiten scheitern kann. „Man malt sich das so schön aus, und wenn man es dann berechnet, klappt es nicht“, sagt Simon. Oder alles passe, nur ein Kabel sei nicht richtig angelötet, wie Richard berichtet.

          Von der Idee zum dreidimensionalen Modell

          Bei technischen Aufgaben hat der Lehrling Yoshua in der Schule eine gute Hilfestellung erfahren. „Man bekommt Fingerspitzengefühl und kann Fehler korrigieren“, sagt er. Auch von den anderen Teams kann er beim Solarwettbewerb lernen: Was machen die aus den Vorgaben? Was war an deren Ideen anders? Knackpunkt ist für Yoshua der Weg von der Idee über die zweidimensionale Zeichnung zum dreidimensionalen Modell: „Das Schwierigste ist die perfekte Umsetzung.“ Wichtig in einem technischen Beruf sind für ihn daher: Wissensdurst, Vorstellungsvermögen, Spaß an der Arbeit.

          Wer Jungen fragt, was sie werden möchten, hört die Klassiker: Profifußballer, Polizist, Pilot, Feuerwehrmann. Diese Berufswünsche nannten 2009 sechs- bis zwölfjährige Jungen bei einer Studie am häufigsten. An fünfter Stelle stand bei den 681 Befragten der Ingenieur. Ähnlich gut ist es um den Beruf in einer Befragung aus dem Jahr 2010 gestellt. 27 Prozent von 500 Schülern gaben an, sie könnten sich vorstellen, einmal in der Ingenieurbranche zu arbeiten. Doch - und hier tut sich eine Kluft auf - 39 Prozent der Jungen, aber nur 15 Prozent der Mädchen. Das Klischee bekräftigt eine Studie aus dem Jahr 2012 mit 1220 Kindern: Fast jeder fünfte Junge interessierte sich für Technik, dagegen nur jedes fünfzigste Mädchen.

          Julia Wohlfarth mit ihrem Modell.

          Ein Gegenbeispiel ist die 12 Jahre alte Julia Wohlfarth. Sie tritt im Solarwettbewerb in der Kreativklasse an. Nicht die Schnelligkeit der Fahrzeuge, sondern ihre Gestaltung steht dabei im Vordergrund. Deswegen hat ihr Wagen viel Farbe abbekommen und erzählt eine ganze Geschichte, inspiriert von der Naturforscherin Jane Goodall. Was Julia einmal werden will? Naturforscherin - oder Ingenieurin. Dafür muss man gut zeichnen, räumlich denken, aber auch gut verhandeln können, „zum Beispiel wenn Leute etwas konstruiert haben wollen, das unmöglich ist“.

          Julia hat mit ihrem Bruder schon vieles gebastelt und repariert. Das Solarauto war ihr erstes eigenes großes Projekt. Das habe ihr gezeigt, dass in der Praxis oft nicht alles so einfach sei, wie in der Theorie. „Ich habe mich manchmal geärgert und mehrere Anläufe gebraucht.“ Nun wisse sie, dass es auf die richtige Reihenfolge ankommt: Erst über die Grundlagen nachdenken, dann konstruieren.

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