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Luft- und Raumfahrttechnik : Mission „Flying Laptop“

Ab ins All: 2013 soll es losgehen. Bild: dapd

In Stuttgart entwickeln Doktoranden einen Kleinsatelliten namens „Flying Laptop“. Er soll die Erde erforschen. Hoch hinaus geht es aber nur für den Flugkörper.

          Ihr großes Ziel haben sie jeden Tag vor Augen. Es ist 60 mal 70 mal 85 Zentimeter groß, mit goldener Folie umwickelt und hängt über dem Treppenaufgang in der Eingangshalle des Forschungszentrums: der Kleinsatellit „Flying Laptop“. Bisher ist er nur eine Attrappe, doch er erinnert die drei Doktoranden jeden Tag daran, was sie erreichen wollen. Michael Lengowski, Philipp Hagel und Felix Böhringer arbeiten an dem ersten Kleinsatelliten, den das Institut für Raumfahrtsysteme (IRS) der Universität Stuttgart ins All schicken will. Aus 800 Kilometern Höhe soll er die Erde beobachten.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Bis dahin ist es ein weiter Weg. Nicht nur für den Satelliten, sondern auch für die Doktoranden. Die ersten begannen 2004 mit dem Projekt und verbrachten erst einmal vier Jahre damit, den Satelliten zu planen und zu entwickeln. Leicht sollte er sein, Hitze und Kälte standhalten, sich von der Bodenstation aus steuern lassen, mit ihr kommunizieren können und bei alldem nicht zu viel Energie verbrauchen. „Gebaut haben wir in dieser Zeit noch nichts“, sagt Lengowski, der von Anfang an dabei war. „Es ist wichtig, dass alles gut aufeinander abgestimmt ist. Wenn ein Teil nicht funktioniert, geht alles nicht.“ Das Ziel des Stuttgarter Teams ist es, neue Technologien wie etwa den Bordrechner oder die Kommunikation des Satelliten mit der Bodenstation via Laser auf ihre Weltraumtauglichkeit zu testen.

          Wenige Astronauten, viele Ingenieure

          Hoch hinaus soll aber nur der Satellit. Denn wer Luft- und Raumfahrttechnik studiert, wird in der Regel nicht Astronaut, sondern Ingenieur. „Spätestens im ersten Semester kriegen das auch die Studenten mit“, sagt Lengowski. Gelächter unter seinen Kommilitonen, die sich im Besprechungszimmer versammelt haben. Viele Absolventen arbeiten nach dem Studium in der Industrie, etwa für große Unternehmen wie Airbus, Astrium oder Tesat Spacecom. Viele gehen auch in die Forschung, beispielsweise zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt oder an eines der Max-Planck-Institute. „Einige zieht es auch in die Automobilindustrie, zu Energieversorgungsunternehmen oder in Ingenieurbüros“, sagt Hans-Peter Röser, der Direktor des IRS.

          Sein Institut ist eines von insgesamt 14 an der Stuttgarter Fakultät für Luft- und Raumfahrt, die mit 2000 Studenten die größte ihrer Art in Europa ist. Dazu ist sie eine der beliebtesten. Mehr als 1000 Abiturienten bewerben sich jedes Jahr um einen Studienplatz, nur etwa 300 werden genommen. Wegen der hohen Nachfrage hat die Universität für den Studiengang einen Numerus Clausus eingeführt. Entscheidend ist nicht nur die Abiturnote: Bewerber, die einen Pilotenschein haben, Flugzeugmodelle bauen oder eine Ausbildung zur Stewardess absolviert haben, bekommen Bonuspunkte. Schlechte Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern sind hingegen ein K.-o.-Kriterium. „Wer in Sport und Religion sehr gut ist, in Mathe und Physik aber nur ausreichend, bekommt bei uns keinen Studienplatz“, sagt Röser.

          An seiner Fakultät ist Luft- und Raumfahrttechnik ein eigenständiger Studiengang, wie auch an den Technischen Universitäten in Berlin und München. An anderen Universitäten können Studenten Luft- und Raumfahrttechnik als Vertiefungsrichtung in Studiengängen wie Maschinenbau, Wirtschaftsingenieur- oder Verkehrswesen wählen. Doch ganz gleich, ob zur Vertiefung oder als eigenständiges Fach: Die Berufsaussichten für Ingenieure der Luft- und Raumfahrttechnik sind gut. 2011 ist der Gesamtumsatz der Branche abermals gewachsen - um 4,1 Prozent auf 25,7 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten legte um 2,1 Prozent auf 97400 zu. In Stuttgart ist der Kontakt mit der Industrie so eng, dass viele Studenten schon eine Stelle haben, bevor sie die Universität verlassen.

          Angefangen haben sie alle mit den Grundlagen. Auch in Stuttgart stehen zuerst Höhere Mathematik, Thermodynamik und Technische Mechanik auf dem Lehrplan. „Mit Flugzeugen oder Raumfahrttechnologien hat man als Student in den ersten Semestern nichts zu tun“, erinnert sich Doktorand Böhringer. „Davon darf man sich nicht abschrecken lassen.“ Böhringer hat sich in seiner Diplomarbeit mit dem Kleinsatelliten „Flying Laptop“ beschäftigt und ist bis heute dabei geblieben.

          Stipendien und Industrie-Patenschaften

          Böhringer und die anderen rund 60 Doktoranden forschen in eigenen Labors im neuen Raumfahrtzentrum auf dem Campus in Vaihingen, das selbst ein bisschen aussieht wie ein Raumschiff. Rund 250.000 Euro stehen ihnen dafür im Durchschnitt zur Verfügung, viele von ihnen haben Stipendien oder Patenschaftsverträge mit der Industrie. Im universitätseigenen Optiklabor simulieren sie, wie sich je nach Lichteinfall die Qualität der Bilder verändert, welche die Kameras des Satelliten von der Erde machen sollen. In einem Gestell, das an ein Rhönrad erinnert, bauen sie den Satelliten zusammen. Und auch um die Elektronik zu testen, ist genug Platz. Als zum ersten Mal der kleine Bordrechner und die Batterie zusammen funktionierten, „quasi das Gehirn und das Herz des Satelliten“, wie Böhringer sagt, „war das schon super“. Der Rechner muss die Batterie so steuern, dass sie immer nur die Teile des Satelliten mit Strom versorgt, die gerade welchen benötigen.

          Wie gut die neuen Technologien dann unter realen Bedingungen funktionieren, wenn der Kleinsatellit Huckepack auf einer möglicherweise indischen Trägerrakete ins All reist, soll ein zweites Projekt der Uni herausfinden: der „Stuttgarter Adler“, ein ferngesteuertes Modellflugzeug mit einer Spannweite von 4,33 Metern. Es soll die gleichen Aufnahmen machen wie der Kleinsatellit, nur aus niedrigerer Höhe. „So können wir kontrollieren, ob der Kleinsatellit das misst, was er messen soll“, sagt Uwe Putze, der das Flugzeug mit entwickelt hat. Mit Hilfe des „Stuttgarter Adlers“ können die Luft- und Raumfahrttechniker auch prüfen, ob sich die Qualität der Daten im Laufe der Zeit verändert. Etwa zwei Jahre wird der Kleinsatellit in der Umlaufbahn verbringen. 2013 soll aus der Attrappe Wirklichkeit werden.

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