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Digitalisierung : Berlin sucht den IT-Anschluss

  • -Aktualisiert am

Daten, Daten, Daten: In der vermeintlichen IT-Hauptstadt Berlin haben die Rechner besonders viel zu tun. Bild: dpa

Die Stadt Berliln geht mit 50 neuen Lehrstühlen zum Thema Digitalisierung in die Offensive. Die TU Berlin schiebt an und holt die Wirtschaft ins Boot - von Google bis zum Wasserwerk.

          Geht es in Berlin um ein Paket von gleich fünfzig Lehrstühlen, dann hätten die meisten bis vor kurzem nichts Gutes geahnt. Christian Thomsen zum Beispiel, Präsident der Technischen Universität Berlin, erinnert an die Zeit vor zehn, fünfzehn Jahren, da wäre an diesem Wissenschaftsstandort in Zusammenhang mit fünfzig Professoren allenfalls von Streichungen die Rede gewesen. Kein Geld, kein hochqualifiziertes Personal, keine Perspektive - so hätte man das erwartet. Typisch Berlin irgendwie. Aktuell aber geht die Geschichte andersherum: Berlin bekommt nämlich fünfzig neue Stellen für IT-Professoren, angesiedelt im „Einstein-Zentrum für digitale Zukunft“, verteilt auf mehrere Standorte - darunter die vier Universitäten mit der Charité, die Beuth-Hochschule für Technik sowie die Hochschule für Technik und Wirtschaft - und initiiert von der TU Berlin und ihrem Präsidenten. Ein Leuchtturmprojekt, für das knapp 40 Millionen Euro eingesammelt wurden. Es soll die Position der Stadt als deutsches Zentrum der Digitalisierung festigen und die neuen Stellen für die nächsten sechs Jahre sichern.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einen zweistelligen Millionenbetrag hat zwar auch der Berliner Senat zur Verfügung gestellt, aber ohne weitere Mittel wäre das ambitionierte Projekt nicht vorangekommen. Und deshalb haben die Berliner neben Forschungsinstituten wie der Fraunhofer-Gesellschaft, neben Mittelständlern oder kommunalen Unternehmen wie den Berliner Wasserbetrieben auch deutlich bekanntere Förderer im Boot, Konzerne wie Google, Intel, SAP, die Deutsche Telekom, Tomtom oder Zalando.

          Thomsen weiß natürlich um die Sensibilität des Themas Wissenschaftsförderung durch Unternehmen, gerade auf Berliner Terrain, das er ein heißes Pflaster nennt. Zweifel an der Unabhängigkeit der Neu-Berliner Wissenschaftler begegnet er mit einem Beispiel aus den Verhandlungen: „Zwei, drei Unternehmen wollten bei der Berufung der Professoren mitbestimmen - da war das Gespräch schnell beendet. Die Freiheit der Forschung ist für uns nicht verhandelbar.“ 27 Förderer haben schon fest zugesagt, aber der Kreis könnte gut und gerne noch größer werden, weitere Gespräche laufen.

          An den Schnittstellen zu anderen Disziplinen

          Die neuen IT-Professoren werden nicht bloß Informatik lehren, sondern sich an den Schnittstellen zu anderen Disziplinen bewegen. Es geht um praktische Anwendungen. Thomsen nennt als Beispiele sogenannte Wearables, also tragbare, körpernahe Computer, außerdem die digitalisierte Medizin, kurz: E-Health, die vernetzte Stadt, also Smart City, aber auch den Nutzen der IT in vermeintlich gegensätzlichen Fächern wie der Archäologie, wo es um die Erfassung oder Vermessung von Exponaten gehen könnte. Hinzu kommt eine Professur zur Arbeitswelt von morgen (Arbeit 4.0), die vom Bundesarbeitsministerium gefördert wird. Das wird alles in allem ein ziemlich bunter Strauß, und deshalb sagt Thomsen: „Man wird in Berlin Fächer studieren können, die es so nirgendwo sonst gibt.“ Diese Konzentration an IT-Forschung sei einmalig in Deutschland. Die Größenordnung macht schon der Vergleich mit der TU Berlin deutlich, wo insgesamt knapp 280 Professoren lehren und forschen.

          Aber die Technische Universität war zwar Impulsgeber, und sie wird den ersten wissenschaftlichen Sprecher des Projekts stellen, einen Informatiker. Aber es geht in erster Linie nicht um sie, sondern um den gesamten Wissenschaftsstandort Berlin. Die Stadt gilt mit ihren vielen Start-ups ohnehin als besonders aufgeschlossen gegenüber den digitalen Umwälzungen und gegenüber neuen Ideen, wie diese Umwälzungen in Geschäftsmodelle münden könnten. „Nach diesen sechs Jahren sollten wir uns ein so großes Renommee aufgebaut haben, dass es heißt: Wer sich mit Digitalisierung beschäftigen will, der kommt an Berlin nicht vorbei“, sagt Thomsen.

          Nun müssen er und die Einstein-Stiftung noch die geeigneten Kandidaten finden, wobei 45 der 50 Stellen von Juniorprofessoren besetzt werden. Die Finanzierung von Professoren auf Lebenszeit sei schließlich noch mal ein ganz anderes Kaliber. Die ersten Ausschreibungen sind auf dem Weg, eine zweite Runde folgt noch in diesem Jahr, und wenn alles gutgeht, kann das Projekt nächstes Jahr im April starten. „Die Konkurrenz bei der Suche nach Professoren ist groß“, sagt Thomsen. „Unser Vorteil ist, dass in Deutschland kein anderer Standort so interdisziplinär aufgestellt ist wie wir.“ So oder so werden die neuen Professoren Anziehungskraft entwickeln. Die Berliner rechnen zunächst mit weiteren rund fünfzig wissenschaftlichen Mitarbeitern und im weiteren Verlauf gut und gerne mit der doppelten Zahl. 100 bis 200 IT-Studenten dürften den Erwartungen nach demnächst in die Stadt kommen, sie können dann ihren Bachelor oder Master machen oder aber eine Promotion anstreben - denn die Professoren haben, wie andere Kollegen auch, Lehrverpflichtungen, sie liegen zwischen vier und sechs Stunden in der Woche.

          Konkurrenz zu anderen Standorten

          Thomsen denkt schon jetzt darüber nach, wie lange die Neuen wohl in Berlin gehalten werden können. Die Stadt ist einerseits ein Magnet, gerade beim Thema Digitalisierung. Andererseits steht sie in Konkurrenz zu anderen renommierten Standorten. „Die Frage, wie lange unsere neuen Professoren in Berlin bleiben, wird uns beschäftigen“, sagt er. „Viele werden sehr begehrt sein, da müssen wir mit Fluktuation rechnen.“

          In der Medizin zum Beispiel profitiere Berlin vom großen Renommee der Charité, aber es werde auch IT-Teilgebiete geben, die die Einstein-Stiftung am Ende wieder verlieren könnte. „Wir sehen das sportlich“, sagt er. „ Gerade in dieser vielfältigen Szene mit ihren zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten kann man nicht überall gewinnen.“ Hauptsache, man fängt überhaupt an. Und Hauptsache, es gibt Aussichten auf einen langen Atem. Es bestünden jedenfalls gute Chancen, etwa ein Drittel der Junior-Professoren nicht nur für sechs Jahre, sondern dauerhaft in der Stadt zu halten.

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