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Berufsbild Ingenieur : An die Maschinen!

Ohne Software geht bei Ingenieuren nichts mehr Bild: mauritius images / Cultura

Statt im Labor und in der Werkstatt verbringen Ingenieure immer mehr Zeit am Computer. Warum Software aus Indien die Ingenieure trotzdem nicht ersetzen kann.

          Was für ein Schock. Stefan Wöhrl, angehender Ingenieur des Maschinenbaus sowie der Luft- und Raumfahrttechnik (Aufbaustudium), geht voller Tatendrang in das Praktikum. Großes Unternehmen, bekannter Name, interessante Branche. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß, wie der Praxisbericht des jungen Studenten zeigt:

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          „Am ersten Tag wurde ich vor einen PC gesetzt. Bei Schwierigkeiten solle ich in das englische Handbuch für das Numerikprogramm gucken. Dass das Handbuch eine Vielzahl von Problemen gar nicht behandelt, weil es davon ausgeht, dass der Leser die Programmierung längst beherrscht und man bei Problemen mit der Syntax des Codes besser Wikibooks konsultiert, als sich auf die teils wirren und wenig hilfreichen Fehlermeldungen zu verlassen, lernte ich nach vielen frustrierenden Enttäuschungen. Erst zwei Wochen vor Abschluss meiner Arbeit kam zufällig ein Kollege vorbei, warf einen Blick auf meinen Bildschirm und meinte, dass sich die grafische Darstellung der Ergebnisse doch mit einem hauseigenen Auswertungsprogramm leichter realisieren lasse. Er schickte mir das entsprechende Tool per E-Mail.“

          Für den jungen Mann fällt die Konfrontation mit dem nackten Arbeitsalltag ernüchternd aus: „Teamfähigkeit wird allerorten angepriesen, Vernetzung ist das Wort der Stunde, und die Werbung von Arbeitgebern um neue Mitarbeiter wimmelt von ,wir‘, ,gemeinsam‘ und ,Kooperation‘. Die Realität im Ingenieurbüro sieht aber anders aus: Jeder starrt schweigend auf seinen eignen Monitor; aus Konferenzen weiß man ungefähr, woran welcher Kollege arbeitet, und stellt die Ergebnisse nicht in Frage - gesprochen wird wenig. In der Teeküche hängt gar ein Comic, der sich über Teamarbeiter lustig macht: Unter der Skizze einer Präsentation ist zu lesen, Meetings seien eine angenehme Abwechslung zur Arbeit für alle, die es leid seien, einsame Entscheidungen zu treffen.“

          Kooperation zwischen den Disziplinen ist gefragt

          Sind einsame Entscheidungen am Rechner die Zukunft des Ingenieurs? Das sieht Markus Präßl, Mitglied der Geschäftsführung des Ingenieurdienstleisters Ferchau Engineering GmbH, nicht so. Im Gegenteil: „Die Teamfähigkeit der Ingenieure muss steigen“, sagt er überzeugt. Die großen technischen Themen, wie sie auch auf der Hannover Messe vom 7. bis zum 11. April gezeigt werden - die Vernetzung in der Produktion unter dem Stichwort Industrie 4.0 und die Energiewende, aber auch das Internet der Dinge von der E-Mobilität über das intelligente Haus bis hin zu den Themen Big Data -, erfordern immer mehr Kooperation zwischen den Ingenieurdisziplinen. Denn all den Themen ist eines gemeinsam: Sie verbinden bisher getrennte Fachbereiche. Maschinenbau, Elektrotechnik, Autokonstruktion, Elektrotechnik, Gebäudebau und Gebäudeinstallation werden zunehmend von der Elektronik durchdrungen und verbunden.

          „Aber dennoch werden künftig nicht nur Ingenieure der Fachrichtung Mechatronik eingestellt“, entwarnt Präßl. Zwar werden die Mechatroniker zunehmen, die mechanischen Sachverstand mit Kenntnissen der Elektronik schon in ihrer Ausbildung verbinden. „Aber auch in Zukunft bleibt der Ingenieur ein Spezialist“, ist Präßl überzeugt. „Ein produzierendes Unternehmen braucht auch künftig den fertigungsplanenden Ingenieur für den Materialfluss und die Maschinenbelegung. Man braucht für die Forschung und Entwicklung den Ingenieur, der mit seinen tiefen Kenntnissen des Materials und der mechanischen Kräfte weiß, wann eine Umformung zu Rissen im Material führt oder wo die Grenzen des Leichtbaus liegen.“ Natürlich werden die mehr vor dem Computer sitzen und noch stärker als heute mit Simulationsprogrammen arbeiten - aber deshalb keine Informatiker.

          Informatiker arbeiten anders

          Eine Vermischung werde es schon deshalb nicht geben, sagt Präßl, weil beide ganz anders gestrickt sind, anders denken. Der in der Mechanik beheimatete Ingenieur habe zwar auch Pflichten- und Lastenhefte zu beachten und arbeite längst mit CAD-Systemen (computerunterstütztes Konstruieren), folge aber doch auch individueller Eingebung. Der Mechaniker müsse auch mehr kommunizieren, er müsse immer wieder seine Idee mit den Grenzen und Erfordernissen der Fertigung in Einklang bringen.

          Der Softwareexperte, der Informatiker dagegen arbeitet mit ganz stringent vorgegebenen Modellen. Er entwickelt neue Software nach dem V-Modell (Stufenmodell der Softwareentwicklung) oder der Scrum-Methodik (iteratives Verfahren für komplexe Projekte). Die Standardisierung ist in beiden Fällen so hoch, dass neue Software in Indien ebenso programmiert werden kann wie in Deutschland. Ein neues mechanisches Produkt ist schon in der Entwicklung viel enger an die Produktion gekoppelt.

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