https://www.faz.net/-gym-8x2zt

Architekten-Karrieren : „Es fehlen die frischen Ideen“

Architekturstudenten beim Entwerfen und Basteln. Bild: Michael Kretzer

Als Architekt Karriere zu machen war früher immer mit dem Traum vom eigenen Büro verbunden. Aber ausgerechnet im Bau-Boom lahmt der Gründergeist. Ein Jung-Architeten-Vertreter erklärt im Interview, warum.

          Herr von Wedemeyer, wie machen Architekten Karriere?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Der klassische Weg ist es, in einem Architekturbüro anzuheuern und sich nebenher am Wochenende vom Küchentisch aus an Architekturwettbewerben zu beteiligen. Wer einen solchen Wettbewerb gewinnt und damit einen guten Auftrag an Land zieht, hat quasi die halbe Miete, um das eigene Büro zu gründen.

          Karriere machen heißt also in der Branche, dass man sich möglichst irgendwann selbständig macht?

          Das war zumindest früher so. Da arbeitete man vielleicht als Angestellter bis Mitte dreißig, selten länger. Die Stellen in den Büros waren nicht so dicht gesät, und wenn man eine bekam, musste man froh sein, ein Gehalt zu kriegen, von dem man irgendwie überleben konnte. Ich habe zum Beispiel nach der Uni erst mal ganz dankbar eine Praktikumsstelle angenommen. Es war wichtig, irgendwo reinzukommen, im Geschäft zu sein. Geld verdienen – das galt als eine Sache, die man später im Leben auch noch machen konnte.

          Und das hat sich mittlerweile verändert?

          Henning von Wedemeyer ist seit 2003 selbständiger Architekt und seit 2014 Partner im Berliner Büro TRU Architekten. Er ist Sprecher des Arbeitskreises Junge Architektinnen und Architekten (AKJAA).

          Ja, sehr. Daran ist der Bau-Boom schuld. Heute können junge Architekten in allen Büros gute Stellen bekommen. Die Einstiegsgehälter liegen oft bei rund 3000 Euro brutto im Monat. Davon hätten wir damals geträumt. Dazu kommt, dass man mittlerweile als Angestellter im Architekturbüro alt werden kann. Die erfahrenen Kräfte werden viel mehr geschätzt als damals.

          In der Branche wird erzählt, dass man früher regelrecht vergrault wurde, wenn man sich erlaubte, eine Familie zu gründen. Stimmt das?

          Das konnte passieren, kann sich heute aber kaum mehr jemand leisten. Viele Büros müssen sich richtig anstrengen, junge Architekten für sich zu gewinnen. Und den Jungen ist die Work-Life-Balance viel wichtiger geworden. Ich finde das nachvollziehbar. Natürlich will man auch unter der Woche mal nach Hause kommen, bevor der Rest der Familie im Bett ist. Gerade, wenn man kleine Kinder hat. Aber dass das eingefordert wird und dass sich auch wirklich was ändert in der Hinsicht – das ist ein Phänomen, das sich die Büros erst seit kurzem leisten können. Dank der Konjunktur.

          Klingt alles nach einer richtig schönen Entwicklung für den Berufsstand.

          Ist aber nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ist: Der Gründergeist kommt gerade ziemlich zum Erliegen.

          Die aktuellste Mitgliederbefragung der Bundesarchitektenkammer zeigt, dass nur fünf Prozent eine selbständige Tätigkeit gezielt anstreben. Warum?

          Dass Studienabsolventen anderer Fächer heute oft planbare Jobs oder Beamtenposten haben wollen, ist ja bekannt. Aber unsere Branche galt eigentlich immer als Spielwiese für Kreative. Dass der Gründergeist nachlässt, hat bei uns Architekten viel mit einer sehr branchenspezifischen Entwicklung zu tun: den Architekturwettbewerben. Früher waren viele Wettbewerbe offen für jedermann. Man stritt um die beste Idee für das neue Museumsgebäude oder den neuen Kindergarten. Und wenn ein junger, unbekannter Architekt das beste Konzept hatte, bekam er den Auftrag.

          Und wie ist das heute?

          Heute dürfen sich oft nur noch diejenigen an einem Wettbewerb für einen Kindergarten beteiligen, die schon vorher zwei oder drei Kindergärten gebaut haben. Und für den Museumswettbewerb muss man Erfahrung beim Bau von Ausstellungsgebäuden nachweisen. So ist es fast überall. Das schließt die Jungen völlig aus.

          Und woran liegt das?

          Öffentliche Auftraggeber, also zum Beispiel die Kommunen, haben Angst davor, zu viele Einreichungen zu bekommen. Es ist teuer, wenn man über hundert Wettbewerbsbeiträge bewerten muss. Dann macht man lieber die Kriterien so strikt, dass man nur noch 20 Einreichungen bekommt.

          Wie viele offene Wettbewerbe gibt es denn noch?

          Das kann man in Deutschland momentan an zwei Händen abzählen.

          Und anders als über einen Wettbewerbsgewinn kommt ein junger Architekt nicht zu den Aufträgen fürs neue, eigene Büro?

          Nur schwer jedenfalls. Man kann Glück haben und die richtigen Kontakte.

          Und das nötige Startkapital?

          Ach was. Man braucht gar nicht viel. Ein bisschen Software vielleicht. Mit 20.000 bis 30.000 Euro ist man dabei. Es gibt auch immer mal Kandidaten, die eigentlich gar nichts haben. Die sich irgendwie so durchwurschteln.

          Sie sind selbst Partner in einem Büro, das noch nicht sehr alt ist. Wie war es bei Ihnen am Anfang?

          Kontakte, Glück und quasi kein Startkapital. Ich hatte über eine Reihe von Miniaufträgen einen Tischler kennengelernt. Dem durfte ich seine Tischlerwerkstatt entwerfen. Über die wiederum ist der Berliner Senat auf mich aufmerksam geworden. Im Anschluss durfte ich in Berlin einen Betriebshof konzipieren und dann noch einen. Allerdings landet man schnell in einer Schublade: Werkstatt-Gebäude. Da kommt man dann schwer wieder raus.

          Und das finden Sie bedauerlich?

          Sehr. Es ist für die Baukultur nicht gerade bereichernd, wenn die einen immer nur Werkstätten machen und die Nächsten nur Krankenhäuser und die Dritten nur Kitas. Dabei sind wir doch eigentlich alle als Architekten für alles ausgebildet worden an der Uni. Wer sagt denn, dass jemand, der bislang vor allem Krankenhäuser gebaut hat, nicht mal einen tollen Entwurf für eine Schule machen kann? Und es fehlen mittlerweile einfach die frischen Ideen der Jungarchitekten, das Frische, das Überraschende.

          Und wie kriegt man wieder mehr spinnerte Ideen?

          Förderprogramme für Jungarchitekten wären eine Möglichkeit. Nicht nur im Sinne von Stipendien, sondern auch im Sinne des Netzwerkens. Wenn die jungen Kollegen häufiger mit potentiellen Bauträgern zusammenkämen und die Kontakte nicht nur dem Zufall überlassen wären, dann wäre schon viel gewonnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump könnte nun Grund zur Zuversicht haben.

          Ermittlungen abgeschlossen : Entlastet Mueller Trumps Team?

          Der Sonderermittler Robert Mueller hat seinen Abschlussbericht vorgelegt. Dass es keine weiteren Anklagen in der Russland-Affäre gibt, ist eine gute Nachricht für Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.