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Arbeiten im Eisenbahn-Bundesamt : Ingenieure, ohne die kein ICE fahren darf

Übergabe des ICE 3: Wo ist Hörster? Bild: AFP

Schon seit langer Zeit brauchte die Bahn dringend neue ICEs. Doch ohne eine Behörde lief nichts: Das Eisenbahn-Bundesamt stellt die entscheidenden Prüfsiegel aus - und hat deshalb einige Feinde. Kein Wunder, dass das Amt auf Mitarbeitersuche ist.

          Wie überglücklich Siemens und die Deutsche Bahn sind, beweisen die „großen Bahnhöfe“, die dem neuen ICE 3 immer wieder gemacht werden. Zuletzt feierten Bahnchef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im Blitzlichtgewitter die Tatsache, dass der letzte von acht der neu gelieferten Hochgeschwindigkeitszüge nun endlich fahren darf - zwei Jahre nach dem ursprünglich geplanten Start. Auf Fotos des Ereignisses sind am Vierertischchen eines ICE-Großraumabteils die Protagonisten zu sehen: neben Grube und Dobrindt der Chef der Siemens-Zugsparte, Jochen Eickholt, und Bahn-Technikvorstand Heike Hanagarth. Klar, an einem Vierertisch ist nur Platz für vier - aber ein wesentlicher Beteiligter fehlt: der Präsident des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA), Gerald Hörster. Ohne das Plazet seiner Behörde würde die Bahn weiter auf ihre Bestellung warten müssen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es hatte länger gedauert, als es sich ein Bahnmanager in seinen schlimmsten Verspätungsträumen ausmalen konnte: Die ersten der neuen ICE - der Auftrag über rund 500 Millionen Euro umfasste 16 Züge - sollten eigentlich Ende 2011 geliefert werden. Probleme mit der Technik sorgten dafür, dass es Dezember 2013 wurde, bis die ersten vier Züge schließlich kamen. Neben Siemens als Hersteller geriet auch die Zulassungsprozedur in die Kritik. Dobrindts Vorgänger Peter Ramsauer hatte im vergangenen Jahr harsche Worte gewählt: „Das Problem ist das Zulassungswesen des Eisenbahn-Bundesamtes. Ich nehme es nicht weiter hin, dass das Eisenbahn-Bundesamt sich als Verhinderungsmaschinerie beweist.“

          Ohne diese Behörde läuft nichts

          Heute ist Ramsauer weg, das EBA ist noch da. Ein Amt im beschaulichen Bonn, für das sich lange Zeit kaum jemand wirklich interessiert hatte. Dabei gehört das Eisenbahn-Bundesamt zu den Behörden, ohne die nichts läuft in Deutschland - zumindest nicht auf den Gleisen der Republik. 1000 Mitarbeiter sind zuständig für die Aufsicht, für Genehmigungen und für die Sicherheit im deutschen Eisenbahnverkehr. Das Amt mit einer Zentrale und 16 Standorten im ganzen Bundesgebiet überwacht Eisenbahnunternehmen und nimmt die Produkte von Bahn- und Infrastrukturherstellern ins Visier. Als Bundesoberbehörde ist es selbständig und unterliegt lediglich der Fach- und Rechtsaufsicht des Verkehrsministeriums in Berlin. Angegliedert sind dem EBA die Untersuchungszentrale der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes und die Stelle Eisenbahn-Cert, die sich um die Interoperabilität des europäischen Eisenbahnwesens kümmert.

          Das EBA ist nach eigenem Bekunden eine „technische Behörde“. Rund zwei Drittel der Belegschaft sind Ingenieure. Einer ist der stellvertretende Leiter der Abteilung 3 („Fahrzeuge, Betrieb“), Hartmut Beschow, der zugleich das Referat 34 führt: „Überwachung Betrieb (Personal, Anlag. u. FZ.“). Beschow feiert im Dezember ein Jubiläum: zwei Jahrzehnte im Amt. Als Jahrgang 1956 erhöht er den Altersschnitt nur unwesentlich: „Das Durchschnittsalter liegt bei 49 Jahren, das ist etwas höher, als es sein könnte.“ Phasenweise habe man Schwierigkeiten mit der Nachwuchsgewinnung gehabt. Zum einen machte der generelle Ingenieurmangel dem EBA zu schaffen, zum anderen lockt die Industrie „stark mit finanziellen Konditionen“, wie Beschow die Gehaltslücke zur Privatwirtschaft beschreibt.

          Tatsächlich poliert die Bahnindustrie rund um die großen Systemanbieter dauernd an ihrem Image als guter Arbeitgeber. Erst im vergangenen Herbst startete sie eine Image- und Nachwuchskräftekampagne, um „den Personalbedarf der stetig wachsenden Branche zu erfüllen“, wie der Branchenverband VDB erläuterte. Unter dem Motto „Besser Karriere machen“ (mit gleichnamiger Internetseite) will sich die Branche mit ihren rund 180 Verbandsmitgliedsunternehmen besonders für Studierende und Absolventen des Ingenieurwesens als attraktiver Arbeitgeber andienen. In der Vergangenheit litt die Bahnindustrie unter der Vormachtstellung der Autoindustrie: Dachten Ingenieuranwärter an ihre Zukunft, kamen ihnen eher Daimler oder BMW in den Sinn als Siemens, Bombardier oder Alstom. Dabei sei „in dieser nachhaltigen und zukunftssicheren Hightech-Branche“ für Nachwuchskräfte „Schluss mit langweiligen Jobs“, wird aggressiv geworben. Und der Bedarf ist offenkundig da: „Unserer aufstrebenden Branche fehlen rund 1500 Ingenieure für den nötigen Personalaufbau, insbesondere in den Fachrichtungen Maschinenbau, Elektrotechnik, Elektronik, Wirtschaftsingenieur- und Bauingenieurwesen, Verkehrstechnik, aber auch der Informatik“, rechnet VDB-Hauptgeschäftsführer Ronald Pörner vor.

          Auch das EBA stellt ein, wie ein Blick auf die Homepage beweist. „Jetzt haben wir eine große Nachfrage nach unseren Stellenausschreibungen. Die Attraktivität scheint groß zu sein“, sagt Beschow. Offenbar entdecken immer mehr junge Leute die Vorteile des öffentlichen Dienstes, die der stellvertretende Abteilungsleiter mit Verweis auf die Unternehmenssphäre so beschreibt: „In einigen Bereichen ist der Druck in der Privatindustrie vermutlich ein anderer. Da gibt es Leute, die rund um die Uhr arbeiten, das ist im öffentlichen Dienst sicher in vielen Bereichen geregelter.“ Im gleichen Atemzug will er freilich rasch das Vorurteil vom faulen Beamten entkräften: „Das heißt aber keineswegs, dass wir hier gemütlich arbeiten und nach acht Stunden den Griffel fallen lassen.“ Und von wegen lange Zulassungszeiten: „Vom Gesetzgeber her haben wir vier Monate Zeit, unsere Entscheidung zu treffen. Diese Zeit haben wir in der Praxis noch nie in Anspruch genommen, wir sind immer sehr viel schneller gewesen.“

          Es gibt viel zu tun für die Mitarbeiter im Eisenbahn-Bundesamt. Nicht nur im Bereich Fahrzeugzulassung, der zuletzt für Schlagzeilen sorgte, ist der Aufgabenkatalog lang. Wer sich dafür interessiert, muss sich freilich klarmachen, dass er in einem Spannungsfeld arbeitet. „Auf der einen Seite werden wir geschätzt, werden in technischen Fragen konsultiert, unser Knowhow wird anerkannt. Aber auf der anderen Seite sind wir unbeliebt, weil wir die Sicherheitsbehörde sind.“ Und Sicherheit, macht Beschow klar, steht über allem. Auch wenn sich der Minister aufregt.

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