https://www.faz.net/-gyl-u9mr

Ingenieure in China : Viel Masse, wenig Klasse

  • -Aktualisiert am

Ein Lächeln zum Abschluss, doch kaum Chancen auf einen guten Job Bild: REUTERS

China bildet an seinen Hochschulen Jahr für Jahr zahlreiche Ingenieure aus. Doch die Qualifikation dieser Absolventen ist häufig dürftig. Unternehmen vor Ort müssen wohl oder übel selbst zusätzlich ausbilden.

          Das Gedränge in der Universität von Nanjing ist riesig. Vor den Dutzenden von weißen Kabinen haben sich große Gruppen von Studenten gebildet. Tausende warten auf eine persönliche Karriereberatung. In den Kabinen sitzen Praktiker aus Wirtschaft und Verwaltung und besprechen mit den jungen Männern und Frauen die Vorbereitung auf die Arbeitswelt: Welche Kurse sollten sie noch belegen, welche Sprachen lernen, wo sich um ein Praktikum bemühen, was darf in keiner Bewerbung fehlen. Die Zeit drängt: Im nächsten Juli werden über 4 Millionen Studenten ihren Abschluss machen, 500.000 mehr als noch 2005.

          Inzwischen gesteht auch die chinesische Regierung die schlechten Jobchancen ein. Rund 1,24 Millionen Hochschulabsolventen haben allein dieses Jahr keinen Arbeitsplatz gefunden, erklärte kürzlich der Minister für Arbeit und soziale Sicherheit Tian Chengping. Nur jeder fünfte Job, der 2005 in der Volksrepublik neu geschaffen wurde, forderte eine höhere Ausbildung. Auf der Strecke bleibt eine Heerschar frustrierter Jungakademiker. So viel Verschwendung in der Bildung kann sich China nicht leisten. Wie die staatlich gelenkte Zeitung "China Daily" berichtete, hat die Zentralregierung in Peking jetzt eine interministerielle Arbeitsgruppe eingesetzt, um das Beschäftigungsproblem zu lösen. Ein erster Schritt seien Jobbörsen, die wie in Nanjing derzeit im ganzen Land und auch im Internet angeboten werden.

          Vielen freilich wird das nichts nützen, trotz abgeschlossenem Studium sind sie schlichtweg nicht ausreichend ausgebildet. So fehle vielen Ingenieurstudenten "professionelles Wissen" und die "Fähigkeit zur Teamarbeit", zitierte unlängst die "Shanghai Daily" den Vizepräsidenten der East China University of Science and Technology, Tu Shandong. Ähnliche Erfahrungen machte auch Linde. 800 Mitarbeiter beschäftigt der deutsche Baumaschinenfabrikant in China. Für das neue Werk in Xiamen im Südosten der Volksrepublik sucht Christoph Kemppermann, Vertriebschef von Linde-Hydraulics, händeringend qualifizierte Ingenieure und Facharbeiter: "Hydrauliker zu finden ist weltweit schwierig und in China eine besondere Herausforderung. Wir werden selber Leute ausbilden müssen. Eine gute Basis bekommt man sicherlich, aber für unsere speziellen Anforderungen müssen wir unsere eigene Ausbildung machen."

          Schlichtweg nicht ausreichend ausgebildet

          „Wie hat der sein Zeugnis gekauft?“

          Eine andere Branche, die gleiche Einschätzung. Thomas Dorn, Geschäftsführer der China-Dependance der nordrhein-westfälischen Kranbaufirma Demag, erlebte Absolventen der sogenannten Schweißer-Fachuniversität, die nicht mal den Ein- und Aus-Schalter der Schweißmaschinen fanden. Von den Kenntnissen der angeblichen Facharbeiter wurde er ähnlich ernüchtert: "Die Kenntnisse sind schlichtweg nicht da. Bei einem Elektriker, der losrennt ohne Schraubenzieher und Prüfgerät, frage ich mich: Wie hat der sein Zeugnis gekauft?" 23 Millionen junge Chinesen studieren derzeit, 8 Millionen davon - also rund ein Drittel - ein ingenieurwissenschaftliches Fach. Zum Vergleich: Im ebenfalls aufstrebenden Indien beträgt der Anteil der Ingenieurstudenten gerade mal vier Prozent. Das klingt nach einem schier unerschöpflichen Reservoir an Fachkräften, die der boomenden Wirtschaft im Reich der Mitte zur Verfügung stehen. Die Realität sieht anders aus.

          Um in einem internationalen Konzern als Ingenieur arbeiten zu können, ist Englisch vielfach als Arbeitssprache unverzichtbar. Tatsächlich aber können Millionen von Hochschulabsolventen nicht mal eine einfache Unterhaltung auf Englisch führen, obwohl sie auf dem Papier die höchste Stufe des CET, des College English Test, bestanden haben. Dennoch sind nicht mal zehn Prozent der Absolventen qualifiziert, in einem ausländischen Unternehmen als Ingenieur, Finanzexperte oder Kundenberater zu arbeiten. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kam die Schanghaier Niederlassung der Unternehmensberatung McKinsey in ihrem jüngsten Report.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.