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Ingenieure im Atomkraftwerk : Gewappnet für den Ernstfall

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Wenn ein Atomkraftwerk kollabiert, liegt das Wohl eines ganzen Landes in der Hand von wenigen Ingenieuren und Technikern. Auch in Deutschland wird der Ernstfall trainiert. Nach Fukushima hat mancher Mitarbeiter dabei ein mulmiges Gefühl.

          Die Nachrichten aus Japan machen fassungslos: Seit Wochen riskieren mehr als 400 Mitarbeiter des Unternehmens Tepco ihr Leben und ihre Gesundheit, um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle zu bringen. Die Männer schlafen im Gebäude der Anlage unter Bleitüchern. Drei Mitarbeiter ohne ausreichende Schutzkleidung waten durch verstrahltes Wasser, erleiden Verbrennungen und müssen ins Krankenhaus. Angeblich handelt es sich bei der Kernkraft um eine ausgeklügelte Hochtechnologie, die aber im Angesicht wüster Zerstörung scheinbar auch nur mit Schraubenschlüssel, Hammer und Wasserwerfer gebändigt werden kann – wenn überhaupt. Die Deutschen schauen besorgt auf ihre 17 Atommeiler und fragen: Kann das auch hier passieren?

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Einer bestimmten Gruppe Menschen stellt sich diese Frage derzeit aus ganz anderem Blickwinkel: Techniker und Ingenieure aus der Energiebranche üben seit Jahrzehnten in umfangreichen Trainings, wie sie sich im Fall des Falles zu verhalten haben. Auch Mitarbeiter anderer Branchen, wie etwa der Öl- oder Chemieindustrie, werden regelmäßig auf Störungen jeder Art vorbereitet. Doch seit Fukushima schwingt im Hintergrund solcher Schulungen eine neue Atmosphäre der Dringlichkeit mit. Würde ich mich wirklich in einem havarierten Kraftwerk der gefährlichen Strahlung aussetzen? Oder mein Leben bei den Aufräumarbeiten nach einem Chemieunfall riskieren?

          Die Konzerne reagieren auf Vorbehalte gegen die Atomkraft mit dem reflexartigen Hinweis auf die sehr hohen Sicherheitsstandards: Relevante Störfälle seien in den vergangenen 30 Jahren so gut wie gar nicht vorgekommen. Die meisten Vorfälle in deutschen Kernkraftwerken fielen in die Kategorie „Null“ in der sicherheitstechnischen Bedeutung, betont die Kraftwerks-Simulator-Gesellschaft KSG. In keinem Fall sei eine unzulässige Strahlenbelastung entstanden.

          „Es gibt keine Chance, den Störfall zu üben“

          Trotzdem müssen sie bei der Schulung ihrer Ingenieure oder Techniker hohe Anforderungen erfüllen. Dabei wird der große Vorteil der deutschen Meiler zum Nachteil: „Es gibt keine Chance, den Störfall zu üben“, sagt KSG-Geschäftsführer Eberhard Hoffmann. Seit 1978 betreiben deshalb die vier großen Energieversorger RWE, Eon, Vattenfall und ENBW unter dem Dach der KSG und der Gesellschaft für Simulatorschulung (GfS) gemeinsam ein Simulatorzentrum in Essen. Jedes Jahr werden dort bis zu 600 Kurse in Gruppen von je etwa fünf Leuten abgehalten. Die Ingenieure und Techniker werden auf alle Szenarien vorbereitet: Flugzeugabsturz, Explosion, Großfeuer, Sabotage. Das Schaltzentrum jedes Atomkraftwerks, die sogenannte Warte, ist dort realitätsgetreu nachgebaut.

          An diesem Tag haben sich Schichtleiter Ralf Scheer und seine dreiköpfige Arbeitsgruppe zum Training im Essener Simulator eingefunden. Sie fühlen sich in der Warte wie im heimischen Schaltzentrum ihrer bayrischen Siedewasserreaktoren in Grundremmingen. Nur der sandfarbene Teppichboden ist im Simulator vergleichsweise sauber. Auf der Fläche eines gemütlichen Einfamilienhauses mit 25 400 Signallampen, -feldern und -bildschirmen wird ein Störfall geprobt. Ein unterschwelliger Piepton, permanentes Brummen und dezentes Sirenengeheul machen die Schicht auf einen Kühlmittelverlust aufmerksam. Eine Leitung im Kühlmittelbehälter ist abgerissen. Parallel zum akustischen Signal beginnen Schalter aufzublinken. Die großen, roten Zahlen an der Anzeige am Kopf des Raumes werden kleiner, die elektrische Leistung fährt zurück. Ingenieur Scheer, der seit 1996 „auf Schicht“ ist, gibt in ruhigem Ton Anweisungen, fragt bei den Kollegen Parameter ab und meldet telefonisch den Vorfall. Besonnen überwacht Scheer die Instrumente. Dann löst er den Räumungsalarm aus. Die Anlage fährt derweil von alleine herunter.

          „In uns drin ist es natürlich nicht so ruhig“

          „In uns drin ist es natürlich nicht so ruhig“, sagt Scheer. „Der Adrenalinpegel steigt mit ausgelöstem Alarm schon.“ Die Anlage sei so real aufgebaut, dass man vergesse, dass es sich nur um eine Übung handele. Nach ein paar Minuten sind die Sirenen verstummt. Die Lampen der Schaltplattformen an den Wänden und auf den diversen Arbeitspulten beruhigen sich. Scheer erklärt: „Routine sind die Übungen hier nicht. Man wird nur sicherer.“

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