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Ingenieurberufe : Zukunft aus dem Zauberspiegel

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Entwicklungsingenieure tüfteln an Robotern, virtuellen Spiegeln und riechenden Sensoren. Ihre Karrieren sind bestimmt von kleinen Details und großen Durchbrüchen.

          Es ist der 16. Oktober 2030, ein Mittwochmorgen; Sie sind gerade aufgewacht. Verschlafen rufen Sie „James, Kaffee“ in Richtung Küche und wenig später rollt Ihr Heimroboter mit Tablett und Kaffeetasse ins Schlafzimmer. Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Tag. Sie setzen sich also nach dem Frühstück ins Auto und fahren zum Einkaufen in die Stadt. Trotz des schlechten Wetters fahren Sie sicher, weil Ihre Board-Kamera klare Bilder von der Straße auf Ihr Navi-Display schickt. Im Kleiderladen finden Sie ein grünes T-Shirt mit schönem Schnitt und schrecklichem Muster. Doch der virtuelle Spiegel zeigt Ihnen, dass Ihnen das gleiche Shirt in Lila und mit schlichtem Streifen-Design klasse steht. Gekauft! Nach ausgiebigem Stadtbummel treffen Sie sich mit Freunden in Ihrer Lieblingskneipe. Aus einem Weißwein werden zwei. Aber halt: Sie sind ja mit dem Auto da. Schnell pusten Sie in Ihr Mobiltelefon, damit der Alkoholsensor Ihre Atemluft überprüft. Das Telefon blinkt rot. Sie nehmen den Bus.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          So oder so ähnlich könnte Ihr freier Tag im Jahr 2030 aussehen. Denn die meisten Technologien, die so einen Tagesablauf in Zukunft ermöglichen könnten, gibt es heute schon mindestens in Ansätzen. Geschaffen werden sie von forschenden und entwickelnden Ingenieuren. Deutschland ist das fünftinnovativste Land der Welt hinter den Vereinigten Staaten, Japan, China und Südkorea. Warum das so selten auffällt? „Die meisten Sachen werden in Deutschland entwickelt und in China gebaut“, sagt Uwe Hermann, der im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) den Ausschuss Beruf, Gesellschaft und Technik leitet. „Dass Karlheinz Brandenburg das MP3-Format erfunden hat, weiß vielleicht noch mancher“, sagt er. „Aber wem ist denn schon bewusst, dass das Faxgerät oder der Hybridmotor deutsche Erfindungen sind?“ Sollte Hermann eine Prognose stellen, er würde den meisten Gegenständen aus unserem kleinen 2030-Szenario ein ähnliches Schicksal prophezeien.

          Dem Roboter Leben einhauchen

          Zum Beispiel dem Roboter James. Mit echtem Namen heißt er Care-O-bot 3, seine Ingenieurs-Mutter ist Birgit Graf vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Die 38 Jahre alte Informatik-Ingenieurin leitet ein sechsköpfiges Entwicklerteam, das dem Serviceroboter Leben einhauchen soll. Care-O-bot 3 kann schon komplexe Hol- und Bringdienste erledigen, etwa eine Getränkebestellung aufnehmen, sich in die Küche bewegen, dort eine Cola- von einer Wasserflasche unterscheiden, greifen und an den Menschen übergeben. Zukünftig soll er weitere Haushaltsaufgaben übernehmen wie Fenster putzen, Staubsaugen und die Spülmaschine einräumen. „Eine wahnsinnig spannende Arbeit“, schwärmt Graf. „Vor allem, wenn man die entwickelte Software das erste Mal auf dem realen Roboter testet. Da tritt dann doch das eine oder andere Problem auf, das man vorher nicht erwartet hätte.“ So mussten Graf und ihr Team ab und zu mit ansehen, wie Care-O-bot ins Leere griff. Als er zum ersten Mal die bestellte Wasserflasche in der Küche fand und auslieferte, war das ein wichtiger Durchbruch. „Unsere Arbeit besteht aus endlos vielen winzigen Schritten, die Stück für Stück entwickelt und erprobt werden“, erklärt Graf. Oft genug ein Geduldsspiel.

          Bitte einmal das Geschirr abräumen! Birgit Graf mit Care-O-Bot 3

          Außerdem ist Entwicklerarbeit heutzutage fast immer Teamarbeit. „Nach einem einzelnen Konrad Zuse von heute kann man lange suchen“, sagt etwa Michael Schanz, Mit-Erfinder der HDR-Technik, die zum Beispiel eingesetzt werden kann, um Autofahrern bei schlechter Sicht durch Kamerabilder zu helfen. „Die Welt ist so komplex geworden; kaum ein Erfinder arbeitet als Einzelkämpfer.“ So legt auch Schanz Wert darauf, dass die Kollegen Thomas Eckart und Christian Nitta „maßgeblich beteiligt“ waren an der HDR-Technik. Ist solcherlei Bescheidenheit Schuld daran, dass sich nur wenige deutsche Ingenieure mit ihren Erfindungen selbständig machen? Joachim Henkel, Professor für Innovationsmanagement an der TU München, glaubt, dass es eher an der Einstellung zu Risiko und Misserfolg liegt: „Wer hierzulande ein Start-up in den Sand setzt, gilt als gescheitert. In Amerika wird er dagegen als erfahrener Unternehmensgründer angesehen.“

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