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Arbeiten mit Vierbeinern : Soll der Hund ins Büro?

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Das Recht aufs Streicheln und Tätscheln am Arbeitsplatz ist bei den Angestellten etwa doppelt so gefragt wie ein Firmenwagen. Auf Mitarbeiterevents, Firmenhandys und sogar betriebliche Altersversorgung könnten rund 90 Prozent der Angestellten locker verzichten. Aber die Mitnahme von Hunden ins Büro belegt Position drei der häufigsten Wünsche und rangiert direkt hinter flexiblen Arbeitszeiten und der Sehnsucht nach dem Homeoffice. Zudem wird die Zahl der Hundehalter auch ständig größer: Während es im Jahr 2000 noch fünf Millionen Hunde hierzulande gab, sind es inzwischen schon 8,4 Millionen. Und längst nicht jeder davon wird zu Hause gut von einem nichtarbeitenden Partner betreut. In Zeiten, in denen Partnerschaften häufiger wechseln, mehr Menschen als Singles leben und in den Zentren von Großstädten, ist die Betreuung schwieriger geworden.

Tiere im Büro senken Stress und Blutdruck

Fragt sich nur: Was bringt es den Chefs überhaupt, wenn sie dem Wunsch stattgeben? Höchstwahrscheinlich entspannte Mitarbeiter, so haben inzwischen viele Studien belegt. Etliche Forscher internationaler Universitäten haben nach den Wirkungen von Haustieren auf den Menschen gefahndet. In Bezug auf Hunde scheint die Antwort klar: Wenn sich Mensch und Hund näherkommen, reduziert sich beim Menschen der Blutdruck und das Stresslevel, so fanden Forscher der Universität New York schon 2001 heraus. Auch Forscher der Universität Kentucky stellten fest, dass Mitarbeiter deutlich besser gelaunt und motivierter bei der Arbeit sind, wenn sie Hunde um sich haben. Sogar kreativer sollen sie dann sein.

Zudem schütten Menschen das Hormon Oxytocin aus, wenn sie Hunde streicheln, das Bindungshormon, das auch für den Zusammenhalt von Zweibeinern zuständig ist. Es wird übrigens in gleich hohem Maße ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder knuddeln. Katzenbesitzer behaupten zwar, das Streicheln entspanne sie auch, wissenschaftliche Studien dazu gibt es aber nicht. Zudem sind Katzen eher Individualisten und scheu, was Ortsveränderungen betrifft. Hunde dagegen sind Gruppenwesen, das qualifiziert sie für den Bürojob. Was das freigesetzte Oxytocin bewirkt, weiß die Wissenschaft nämlich genau: Es bringt den menschlichen Körper dazu, von einem Stresszustand wieder annähernd auf Normalnull zu schalten.

Nur wenige Hunde-Skeptiker in Unternehmen

Genau das ist es, was der Arbeitsmensch von heute braucht, ist Markus Beyer überzeugt. Für ihn sind Hunde „das beste Mittel, um Mitarbeiter vor der Volkskrankheit Burnout zu schützen“. Der Tierschutzbund betont, dass Hunde den Menschen in Bewegung bringen, schließlich müssen sie mehrmals täglich Gassi geführt werden. Das verhindere zudem Schäden durch langes Sitzen.

Inwiefern dagegen das Gassigehen auch Arbeitszeit frisst und wie lange winselnde oder schwanzwedelnde Hunde nicht nur ihre Herrchen gelegentlich aus der Konzentration reißen, sondern auch deren Kollegen, das hat bisher niemand untersucht. Ebenso wenig gibt es Umfragen dazu, wie viele Kollegen sich von den tierischen Bürobesuchern ernsthaft genervt fühlen. Immerhin hat das Robert-Koch-Institut ermittelt, wie viele Menschen komplett allergisch auf Bürohunde reagieren, weil sie eine Unverträglichkeit gegen Hundehaare haben. Das sind demnach rund drei Prozent.

Zusage einholen und Umgang vertraglich regeln

Das ist zwar sehr wenig, bedeutet aber dennoch: Um zu verhindern, dass von diesen drei Prozent auch nur eine Person im Büro kollabiert, müssen Firmen, Vorgesetzte und Hundehalter zunächst klären, ob das Zusammenarbeiten von Mensch und Hund überhaupt möglich ist und wie sie es regeln wollen.

Am besten setzen sie dafür einen Vertrag auf, in dem sie beschließen, in welchen Räumen Hunde geduldet werden und wie viele. „Auf jeden Fall sollte die Zustimmung des Arbeitgebers aus Beweisgründen schriftlich als Anlage zum Arbeitsvertrag festgehalten werden“, rät Tierrechtsanwalt Andreas Ackenheil. „Sicherlich kann der Arbeitgeber auch eine Tierhalterhaftpflicht zur Bedingung machen, um einen Ausgleich für eventuelle Schäden sicherzustellen.“ Falls der Hund mal ein paar Netzkwerkkabel zerbeißt oder den Kollegen täglich das Schnitzel aus der Tupperdose mopst. Ebenso kann der Arbeitgeber bestimmen, dass der Hund nur in den Pausen Gassi geführt wird und nicht während der Arbeitszeit.

Wie Bürohund-Skeptiker gewöhnlich auf die behaarten Kollegen reagieren, weiß Markus Beyer inzwischen aus vielen Erzählungen: „Diejenigen Mitarbeiter, die am Anfang ihre größten Sorgen formulieren, sind nach 10 bis 14 Tagen die ersten, die vor der Arbeit noch in die Tierhandlung fahren, um ein Extra-Leckerli zu kaufen.“

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