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Hitzeaktionsplan : Forderungen nach Hitzefrei und Home-Office

  • -Aktualisiert am

Arbeit trotz Hitze: Baustelle in Frankfurt am Main Bild: Pepaj, Marina

Die Grünen stoßen mit ihrem Hitzeaktionsplan eine Debatte um die Themen Hitzefrei und Home-Office an. Die IG Bau fordert ein Sommerausfallgeld für Bauarbeiter.

          Ganz unaufgeregt haben die städtischen Ämter in Darmstadt am Mittwoch schon einiges davon umgesetzt, was die Grünen fordern: Die Beamten fingen an diesem Tag eine Stunde früher an zu arbeiten, dafür bekamen sie ab 13 Uhr Hitzefrei – für die Bürger schlossen die Ämter damit fünf Stunden früher als sonst an einem Mittwoch.

          In ihrem mittlerweile viel diskutierten Hitzeaktionsplan fordern die Grünen unter anderem Hitzefrei für Arbeitnehmer, die im Freien arbeiten, etwa auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Gebäudereinigung. Auch sollen alle Angestellten ein Recht auf Home-Office erhalten – sofern nicht betriebliche Gründe dagegen sprechen. Ganz neu ist diese Idee nicht: Schon seit Jahresbeginn will die SPD ein gesetzlich verankertes Recht auf Home-Office für alle Arbeitnehmer durchsetzen.

          Gerhard Citrich Arbeitsschutzfachmann der Gewerkschaft IG Bau, findet die Idee der Grünen gut – solange die Ausfallstunden bei Hitzefrei bezahlt werden. „Es kann nicht sein, dass die Menschen um 11 Uhr nach Hause geschickt werden, sie aber kein Geld bekommen.“ Die IG Bau fordert deswegen ein Sommerausfallgeld für Bauarbeiter, wenn die hohen Temperaturen das Arbeiten auf der Baustelle nicht zulassen. Außerdem könnten Arbeitgeber Planen spannen und die Arbeitszeiten nach vorne legen, schlägt er vor. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds stellte besonders heraus, dass Basis für alle Maßnahmen „eine bessere und häufigere Gefährdungsbeurteilung in den Unternehmen“ sei: Angemessene Gefährdungsbeurteilungen seien „noch immer kein Standard“. Das sei „ein Versäumnis der Arbeitgeber.“

          BDA: Gemeinsam mit den Mitarbeitern Entscheidungen treffen

          Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, sagt dagegen: „Die vielen Betriebe und Unternehmen in Deutschland treffen sehr verantwortungsvoll und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern die notwendigen Maßnahmen vor Ort, trotz hoher Temperaturen gut arbeiten zu können“. Viele Betriebe hätten schon Gleitzeitregelungen, sodass Arbeitnehmer flexibel auf die Hitze reagieren könnten. Immer neue staatliche Einheitsfantasien und Regulierungsregeln für Unternehmen seien nicht der richtige Weg. Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands bezeichnete Hitzefrei als „Luxus“, den sich die Bauern in der Regel nicht leisten könnten: „Landwirte tragen Verantwortung für die Ernte, für die Pflanzenbestände und vor allem auch für ihre Nutztiere. Das hat Vorrang.“ Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil schaltet sich in die Debatte ein – mit einer freundlichen Ermahnung: „In solchen Ausnahmesituationen wie aktuell müssen sich die Betriebe flexibel zeigen und sich gut um ihre Angestellten kümmern.“

          Obwohl viel diskutiert, bieten immer noch wenige Unternehmen in ihren Stellenangeboten Home-Office an – das zeigt eine Studie vom Suchmaschinen-Unternehmen Adzuna, das um die 481.000 Stelleninserate untersucht hat. Berlin hat im Vergleich zu den übrigen Bundesländern das größte Home-Office-Angebot. 780 von 29.500 Inseraten verweisen auf die bei Arbeitnehmern beliebte Option. Das sind 2,6 Prozent. Brandenburg und Schleswig-Holstein bilden mit 0,57 und 0,6 Prozent bei den Bundesländern die Schlusslichter.

          Recht auf Hitzefrei existiert nicht

          Ein Recht auf Hitzefrei existiert derzeit nicht: Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten besagen zwar, dass ein Raum, in dem über 35 Grad herrschen, nicht als Arbeitsraum geeignet ist – dennoch ist das kein Grund für Hitzefrei, sondern eher dafür den Raum zu wechseln. Besonders achten muss man als Arbeitgeber bei bereits über 26 Grad auf „schutzbedürftige Beschäftigte“ - also auf Jugendliche, Schwangere, Ältere und stillende Mütter.

          Außerdem müssen Arbeitgeber bei mehr als 30 Grad im Büro bestimmte Maßnahmen ergreifen, um ihren Mitarbeitern das Arbeiten zu erleichtern: So können sie beispielsweise die Bekleidungsregeln lockern oder Trinkwasser für die Belegschaft bereitstellen. Als Sahnehäubchen obendrauf könnte man es auch so machen wie der Bürgermeister von Geilenkirchen, wo am Donnerstag der deutsche Höchsttemperaturrekord gemessen worden war. Er spendierte allen seinen Mitarbeitern ein Eis.

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