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Handwerk : Grundieren geht über Studieren

  • -Aktualisiert am

Schleifen, spachteln, streichen nach der Schule Bild: Lea Schneider

Weil sich kaum noch Nachwuchs findet, locken einige Handwerksbetriebe jetzt Abiturienten mit dem parallelen Einstieg in die Lehre. Doch so viel Praxisnähe erzeugt auch Widerstand.

          Für das Abitur büffeln und gleichzeitig noch eine Art Lehre in einem Handwerksbetrieb machen, das ist in Deutschland bislang eher eine Seltenheit. Geht es nach dem Willen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sollen viel mehr Auszubildende die Möglichkeit bekommen, Gesellenbrief und allgemeine Hochschulreife in einem Paket zu erwerben. Deshalb macht sich der ZDH für das Berufsabitur stark, um an den Nachwuchs zu kommen. Denn Abiturienten zieht es nicht allzu oft in die Betriebe. 2015 waren es lediglich knapp 18 000 Lehrlinge im Handwerk, 12,5 Prozent aller jungen Leute, die die Hochschulreife hatten.

          Der Unternehmer Carl-Heiner Schmid, Gesellschafter der gleichnamigen Unternehmensgruppe mit Sitz im schwäbischen Reutlingen und bundesweit 4500 Mitarbeitern, wollte jedoch nicht so lange warten, bis sich die Idee Abitur samt Berufsausbildung, die auch zur Nachwuchsgewinnung dient, langsam durchsetzt, und geht deshalb nun einen besonderen Weg. Wenn junge Leute die Hochschulreife erst abgelegt hätten, seien viele von ihnen für das Handwerk schon verloren. Deshalb setzt er früher an, um die Schüler regelmäßig in direkten Kontakt mit dem Unternehmen zu bringen.

          Nach längerer Vorbereitung startete Europas größter Malerbetrieb in Familienhand nun mit dem privaten evangelischen Firstwald-Gymnasium in Mössingen ein Pilotprojekt, bei dem die Schüler von der neunten Klasse an in den letzten vier Schuljahren parallel zur Schulausbildung eine Ausbildung zum Bauten- und Objektbeschichter absolvieren können. Nach dem Schulabschluss können die jungen Menschen dann eine verkürzte Lehre von sechs Monaten in dem Betrieb machen und dann die externe Gesellenprüfung zum Maler- und Lackierer ablegen.

          Taschengeld anstatt Azubivergütung

          Diesen Weg will Tobias Stalder gehen. Der 16-Jährige ist einer von 13 jungen Schülern des Gymnasiums, die nun in den Herbstferien nicht zu Hause die freie Zeit genießen, sondern in Arbeitskleidung in dem Gymnasium Löcher zuspachteln, Tapeten entfernen und Wände streichen. Im Speisesaal der Schule riecht es nach Gips. Stalder hat eine Schutzbrille und eine Atemmaske auf. Er schleift gerade an einer Wand die überstehenden Kanten der frisch zugemachten Löcher ab, damit es eine glatte Ebene gibt. „Nach der Schule will ich eher etwas im Handwerk machen“, sagt der Neuntklässler, der in seiner Freizeit immer mal wieder bei einem Schreiner ausgeholfen hat. Zu Hause habe er auch schon gelötet. Zwar hätte ihm der Beruf des Elektrikers eher gelegen, doch das neue Angebot sei sehr interessant.

          Yara Hirsch klebt gerade Sockelleisten ab. „Das Angebot ist eine gute Sache“, sagt die 14-Jährige, die eines von drei Mädchen bei diesem Projekt ist. So etwas habe ihr schon immer Spaß gemacht. Ob sie einmal Richtung Handwerk gehen will, ist aber noch völlig offen. Eventuell wolle sie Innenarchitektin werden. Sie und auch Stalder haben im Jahr insgesamt zehn Wochen Praxis, wie Thomas Kollek berichtet, der das Projekt bei der Unternehmensgruppe Heinrich Schmid betreut. Sechseinhalb Wochen der Praxisphase finden in den Ferien statt, dreieinhalb Wochen in der Schulzeit. Die meiste Zeit seien die jungen Leute dabei auf Baustellen des Unternehmens. Es investiert rund 200.000 Euro im Jahr in das Modellprojekt. Die angehenden jungen Handwerker bekommen für ihre Tätigkeit ein Taschengeld anstelle der normalerweise gezahlten Auszubildendenvergütung. Im ersten Jahr sind es monatlich 125 Euro. Das steigert sich dann auf 200 Euro im vierten Jahr, so Kollek.

          Und der Schule ist es wichtig, dass die Gymnasiasten über den Tellerrand hinausblicken. „Die Schüler müssen immer wieder raus, um andere Erfahrungen machen zu können“, sagt Rektor Helmut Dreher. Die Einblicke in die Lebenswelt seien wichtig. Dreher sieht im ganzheitlichen Lernen den Schlüssel zum Erfolg. Unternehmer Schmid, Malermeister und promovierter Betriebswirt, setzt sich für die Balance von Fähigkeiten und Fertigkeiten ein. Dabei spricht er viel über das „ganzheitliche Menschenbild“. Er setzt auf die gleichwertige Entwicklung von intellektuellen und praktischen Begabungen. Schmid will das Potential von Gymnasiasten nutzen, damit die praktischen Fähigkeiten auch entsprechend ausgebildet werden. Klassischen Berufsschulunterricht haben die Teilnehmer nicht. Aber einmal im Monat gibt es an einem Nachmittag einen entsprechenden Theoriekurs. Viele Themen wie zum Beispiel die Berechnung von Flächen seien ja schon Bestandteil des normalen Schulunterrichts, sagt Schmid, der längere Zeit für seinen Modellversuch werben musste und nicht überall auf Begeisterung stieß.

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