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Sommerserie über das Handwerk : Glänzende Aussichten mit goldenen Kickern

„Man baut da doch nur Klos ein“: Viele Jugendliche haben klassischen Ausbildungsberufen gegenüber Vorurteile, die es Handwerksbetrieben schwer machen, Nachwuchs zu finden. Bild: AFP

„Da baut man doch nur Klos ein“: Handwerk hat oft ein schlechtes Image und ein Nachwuchs-Problem. Dabei bietet es oft tolle Perspektiven. Start der „Beruf und Chance“-Sommerserie die zeigt, wo Handarbeit noch goldenen Boden hat.

          Zugegeben, der Beruf verheißt auf den ersten Blick nicht unbedingt ein prickelndes Image. Und die meisten schauen erst einmal überrascht, wenn sie davon hören, das ein Kälteanlagenbauer gefragt ist. „Der Beruf ist zukunftsträchtig und total unterschätzt“, sagt Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks und skizziert begeistert mögliche Aufgabenfelder, die von Klimaanlagen über Kühlketten, die von der Produktion bis zum Verbraucher reichten. „Denken Sie nur mal an aufgebackene Teiglinge, dass all das zum Verbraucher kommt, daran arbeiten diese Leute mit.“ Dieses abwechslungsreiche Handwerk sei künftig noch stärker gefragt, Stichwort Klimawandel.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ähnlich enthusiastisch spricht Legowski über Hörgeräteakustiker. Wie alle Gesundheitshandwerke, also auch der Augenoptiker, Zahntechniker Orthopädieschuhmacher und Orthopädiemechaniker, interessieren sich dafür auch Abiturienten, denen der Sinn nach etwas Praktischem steht. „Der Hörgeräteakustiker ist ein Boomberuf, gerade auch für junge Frauen mit Abitur“, erklärt Legowski, durch Einsatz gelangten sie schnell zu Meisterbrief und Filialleitung, vorausgesetzt sie seien offen für kurze Innovationszyklen und zeigten Interesse an Technik und Dienstleistung. Ausbildungseinheiten bietet zum Beispiel ein Campus in Lübeck, „das ist wie eine Fachhochschule aufgebaut, da pilgert ganz Europa hin“. Die Kundschaft für die Akustiker werde jünger - beraten wird bei weitem nicht nur die schwerhörige alte Dame, inzwischen sind musikbeschallte Zwanzigjährige auf Hörgeräte angewiesen.

          Insgesamt 160 Lehrberufe bietet das Handwerk. Aber viele dieser durchaus attraktiven Berufe sind nicht im Fokus der Schulabgänger. „Wir haben eine sehr selektive Berufswahl. Der Informationsstand ist suboptimal, viele Jugendliche haben keine Vorstellung darüber, was es alles gibt“, bedauert Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Reizvolle Aufgaben und spannende Tage vermuteten viele junge Leute nach wie vor in den klassischen Ausbildungsberufen, die sich hartnäckig in den Ranglisten der beliebtesten Lehrstellen halten. Wie überschaubar aber der Stundenlohn eines Friseurs ist und wie wenig zuträglich der Rückengesundheit, darüber machen sich 16-Jährige selten ernsthaft Gedanken. Das Friseurhandwerk hält sich auf Platz drei der Handwerksberufe mit den meisten Auszubildenden. Auf Platz eins steht unangefochten der Kfz-Mechatroniker. Arbeitsmarktexperte Brenke kennt die ernüchternden Zahlen. „Auf die 20 meistgewählten Ausbildungsberufe entfällt mit 48 Prozent die Hälfte aller Auszubildenden.“

          Mal eben eine Harley mit Blattgold überziehen

          Junge Menschen interessieren sich verständlicherweise für jene Berufe, die sie aus ihrem engen Umfeld zu kennen glauben. „Das sind typische Modeberufe, die jeder kennt, und unter denen kann man sich was vorstellen“, beobachtet Brenke. Um sich möglicherweise noch etwas ganz anderes vorstellen zu können, begleiten ambitionierte Lehrer ihre Klassen auf Handwerksmessen, um ihnen neue Möglichkeiten aufzuzeigen. So wie in diesem Jahr auf der internationalen Handwerksmesse in München. „Wir machen viele Angebote für Schulklassen“, sagt Andreas Ritter von der Gesellschaft für Handwerksmessen und verweist auf die rund 1000 Stände. Dort staunen Schüler über eine Harley-Davidson, die in der Werkstatt von Vergoldermeister Christoph Neumeyer in Neustadt an der Donau ein „Luxury Design“ erhalten hat und mit Blattgold veredelt worden ist.

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