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700 Menschen auf einer Etage : Herzlich willkommen im Büro der Zukunft!

Durch die neue Bloomberg-Zentrale in London zieht sich eine 200 Meter lange Rampe über sechs Stockwerke hinweg. Alle Mitarbeiter sitzen in Gruppen sortiert im Großraumbüro. Bild: Theiner, Micha

Ein Großraumbüro für 4000 Mitarbeiter? Hört sich schrecklich an, funktioniert aber bestens. Zu Besuch in der spektakulären Europa-Zentrale des Finanzunternehmens Bloomberg – dem nachhaltigsten Gebäude der Welt.

          Der Milliardär Michael Bloomberg überlässt nichts dem Zufall, alles geht er strategisch an – auch den Bau eines Bürogebäudes in der Londoner City. Deshalb steht dort nun mitten im Finanzviertel ein wuchtiger, bronzefarbener Bau, zehn Stockwerke hoch, für die rund 4000 Mitarbeiter seines Finanzanalyseunternehmens, einzig in seiner Art. Man könnte es etwas großspurig das „Büro der Zukunft“ nennen, gebaut vom Stararchitekten Lord Norman Foster.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Der ist schon für etliches verantwortlich, das die Skyline der Metropolen dieser Welt ziert: die Millennium Bridge in London, die Kuppel auf dem Berliner Reichstag, den Hearst Tower in New York. Und für Bürogebäude von ganz eigenen Dimensionen, die modernen Tempel der Arbeit: neben der Bloomberg-Zentrale für eine Milliarde Pfund auch für das neue Apple Gebäude im Silicon Valley für angeblich fünf Milliarden Dollar.

          Bloomberg-Tempel wird Pilgerstätte

          Apple ist ein verschwiegener Konzern, deshalb darf man dort nicht auf Inspiration hoffen. Dafür ist der Milliardär Bloomberg umso einladender, jedenfalls im Rahmen seiner strengen Sicherheitsvorschriften. Spätestens seit seiner Zeit als New Yorker Bürgermeister fühlt er sich der Allgemeinheit verpflichtet, als guter Bürger und Nachbar.

          Deshalb werden jetzt auch neugierige Londoner und die Gäste der Stadt durch das üppige Gebäude an der Queen Victoria Street geführt, inklusive der freigelegten Tempelreste im Keller, die von den Anfängen Londons vor 2000 Jahren künden. 14.000 archäologische Funde tauchten während der Bauarbeiten auf, sie sind jetzt der ganze Stolz, auch wenn sie die Angelegenheit erheblich verzögert und verteuert haben. Aber auch Bloomberg will einen Tempel für die Ewigkeit schaffen, deshalb behandelt er antike Tontafeln mit Bedacht.

          Der Architekt Michael Jones hat das Bauprojekt geleitet.

          Jetzt pilgern die Personalverantwortlichen anderer Unternehmen an die Stätte, wollen die einzigartige Deckenkonstruktion sehen, die ungewöhnlich geformten Schreibtische und selbst die Toiletten, die mit aufgefangenem Regenwasser versorgt werden. Das Gebäude hat jüngst die Einstufung als „nachhaltigstes“ Gebäude der Welt erhalten, nirgendwo wird so viel Energie (40 Prozent) und Wasser (70 Prozent) gespart wie hier.

          Allerdings soll ja nicht nur gespart, sondern auch gearbeitet werden. Wer wissen will, wie es sich in so einem Büro der Zukunft arbeiten lässt, muss deshalb den Architekten Michael Jones fragen, den Projektleiter aus dem Hause Norman Foster und Partner, der seit knapp zehn Jahren unermüdlich an diesem Gebäude feilt. Was hat er in dieser Zeit nicht alles ausprobiert: Bodenbeläge aus Holz, ein kompliziertes System natürlicher Belüftung, die ideale Beleuchtung, überdimensionierte ergonomische Schreibtische, die Platz haben für vier Bildschirme.

          Eigens eine Lagerhalle gekauft

          Bloomberg hat sich dafür eigens eine Lagerhalle in London gekauft und dort Jones mit Handwerkern und Technikern wirbeln lassen. Dort testete der Architekt aus, wie sich ein natürliches Belüftungssystem in einem Gebäude bewerkstelligen lässt, das nicht aus vielen einzelnen Zimmern, sondern aus großzügigen Flächen besteht. Er baute Kammern um das Pilotbüro der Zukunft und setze es extremen Temperaturen aus.

          Eine Belüftung, die fast vollständig auf die Außenluft angewiesen ist, muss auch bei Wind, Wetter und Gestank für die Mitarbeiter zumutbar sein, sonst taugt sie nicht. In Sachen Forschung und Entwicklung moderner Büroarchitektur macht ihm jetzt niemand mehr etwas vor.

          Dazu muss man wissen: Die endlosen Diskussionen über Großraumbüros, die derzeit die Laune in vielen Firmen verschlechtert, konnte Bloomberg sich sparen. Seit der Gründung von Bloomberg LLP, gleichzeitig Finanzdienstleister und Medienunternehmen, Anfang der achtziger Jahre hat es niemals etwas anderes gegeben als „Open Plan“ – verziert mit großen Aquarien und üppig gefüllten Snack-Bars. Für den klassischen Bloomberg-Mitarbeiter, zu denen die Autorin dieses Artikels vor etlichen Jahren auch einmal zählte, ist ein Schreibtisch unter vielen eine Selbstverständlichkeit – übrigens für jeden, auch für Bloomberg selbst.

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