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Griechischer Bademeister : „Die Deutschen sind nicht die beliebtesten Leute hier“

Die Paradedisziplinen des 18 Jahre alten Spyridonas Douvris sind Kraulen und der Schmetterlingsstil, jeweils auf 50 und 100 Meter. Bei den kretischen Meisterschaften hat er damit schon elf Medaillen gewonnen. Bild: schä.

Spyridonas Douvris ist Bademeister in einem Luxushotel auf Kreta. Ein Gespräch über karge Stundenlöhne, aggressive Gäste und die Nachwirkungen der Schuldenkrise.

          Herr Douvris, wie geht es Ihnen?

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Danke, mir geht es gut. Ich überwache gerade den Kinderpool, damit den Kleinen nichts passiert. Da muss ich sehr aufpassen, denn ein Unfall kann schnell geschehen.

          Wie viel Geld verdienen Sie?

          Ich arbeite von 10 bis 19 Uhr, sechs Tage in der Woche. Dafür bekomme ich 750 Euro im Monat. Das sind etwas mehr als drei Euro in der Stunde.

          Ist das für Griechenland viel Geld?

          Mit 750 Euro im Monat kommst du alleine klar. Aber wenn ich eine Frau und Kinder hätte, wäre es definitiv zu wenig. Ich zahle 300 Euro Miete im Monat, außerdem 100 Euro für Strom und Telefon. Dann habe ich noch 350 Euro übrig. Essen und Trinken bekomme ich hier im Hotel kostenlos. Am Tag habe ich 15 Minuten Pause, in dieser Viertelstunde muss ich erst noch ins Hotel gehen und dann dort schnell etwas essen. Schlafen darf ich hier aber nicht, ich habe noch nie in einem unserer Hotelzimmer gestanden.

          Der Cappuccino kostet in diesem Hotel 5,20 Euro, der Familienurlaub für zehn Tage liegt bei rund 6000 Euro. Was denken Sie über solche Preise?

          (lacht) Du musst ein reicher Mann sein, um hier Urlaub zu machen. Selbst wenn ich fünf Monate lang am Pool arbeite, kann ich mir hier keine zehn Tage Urlaub leisten.

          Sind Sie deshalb neidisch?

          Nein. Mein Vater und meine Mutter haben mir beigebracht, dass alles im Leben einen Sinn hat, dass alles einen Grund hat. Wenn ich mir dieses Hotel jetzt noch nicht leisten kann, hat das sicher auch einen Grund. Ärgerlich sind ganz andere Dinge.

          Welche denn?

          Als ich hier angefangen habe, hatte ich nur einen Stuhl, der in der prallen Sonne stand, keinen Sonnenschirm. Da habe ich mit meinem Chef diskutiert, bis er mir einen gegeben hat. Und ein Mal kam ein Oberkellner und verlangte von mir, meinen Stuhl frei zu machen, weil ein Gast keinen freien fand. Da habe ich dem Oberkellner gesagt, dass ich das mache, wenn er sich ebenfalls neun Stunden unter die Sonne stellt. Wenn er es auch nur einen Tag macht, dann mache ich es für den Rest der Saison. Aber er wollte dann nicht.

          Sind wenigstens die Hotelgäste nett zu Ihnen?

          Das hängt stark vom Alter ab. Nur wenige unter 25 Jahren reden mit mir. Die jüngeren Leute sagen meistens nur kurz im Vorbeigehen „Hi“, schauen mich aber nicht mal an. Vor allem die jungen Frauen tragen ihre Nase sehr hoch und gehen achtlos an mir vorbei. Die Nationalität spielt nicht so eine große Rolle, ob jemand höflich oder freundlich ist. Zwei Mal hatte ich eine Auseinandersetzung mit sehr aggressiven Gästen, das waren beide Male Russen. Aber das heißt natürlich nicht, dass alle Russen so sind.

          Sind die Deutschen in Kreta beliebt?

          In der Schuldenkrise vor zehn Jahren haben viele Griechen auf die Deutschen gezeigt und gesagt: „Ihr seid schuld.“ Mittlerweile ist es besser, aber ich würde nicht sagen, dass die Deutschen gerade die beliebtesten Leute hier sind. Ich selbst sehe es anders. Wir haben uns von euch Geld geliehen, das ist nicht eure Schuld. Ich sehe die Schuld schon 70:30 bei uns.

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