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Grauer Stellenmarkt : Wie Jobs unter der Hand weggehen

  • -Aktualisiert am

Der Klassiker lebt Bild: fotolia.de / Bernd Leitner

Viele feste Stellen werden nie ausgeschrieben. Auf direktem Wege gehen sie an Kandidaten, die Unternehmen schon kennen. Deshalb lohnt es sich, frühzeitig Kontakte in die Wunschunternehmen zu knüpfen.

          Viele feste Stellen werden niemals ausgeschrieben. Auf direktem Wege gehen sie an Kandidaten, die man „irgendwie“ schon kennt. Um auf die Casting-Listen für diese Positionen zu kommen, sollte man frühzeitig Kontakte in die Wunschunternehmen knüpfen.

          Grauer Stellenmarkt? So etwas gibt es bei uns nicht! Diesen Satz hört man zwar immer wieder, wenn man mit Personalverantwortlichen spricht, doch das ist reichlich unwahrscheinlich. Schließlich ist es das Normalste auf der Welt, dass Stellen - wie es so schön heißt - auch unter der Hand vergeben werden.

          Seit vielen Jahren untersucht Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, auf welchen Wegen Angestellte in Lohn und Arbeit kommen. Er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis. „Auch im Jahr 2007 wurde neues Personal am häufigsten über eigene Mitarbeiter und persönliche Kontakte gefunden“, sagt er. Ein gutes Viertel - 27 Prozent aller Neueinstellungen - kam so zustande. Im Jahr zuvor hatte die Mitarbeiteranwerbung „im Verborgenen“ sogar noch ein Drittel ausgemacht. Doch da vor allem bei Fachkräften, besonders bei Ingenieuren und IT-Profis, der Markt leergefegt ist, werden aktuell wieder verstärkt Anzeigen geschaltet.

          Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

          Auch Initiativbewerbungen spielen bei der Besetzung von Stellen eine große Rolle. Jeder achte neue Arbeitsvertrag ging im vergangenen Jahr an einen Kandidaten, der eigenständig und ohne eine Ausschreibung abzuwarten mit dem zukünftigen Arbeitgeber Kontakt aufgenommen hatte.

          Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz lautet das Motto oft genug: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ob das gerecht oder ungerecht ist, sei dahingestellt. Es ist eben so - meist aus praktischen Gründen. „Machen Sie sich einfach mal klar, wie überhaupt eine Stelle entsteht“, sagt die Münchener Karriereberaterin Madeleine Leitner. „Da gibt es ein kleines Problem in der Firma - ein Zusatzauftrag beispielsweise, oder jemand ist krank geworden, und dann kommt noch ein weiterer Auftrag hinzu. Irgendwann wird das Problem so groß, dass die Mitarbeiter das nicht mehr schaffen können. Jetzt wird der Chef wahrscheinlich erstmals konkret eine Neueinstellung in Erwägung ziehen, und er fängt an, sich umzuhören.“ Bedenken sollte man auch, so Leitner, dass die meisten kleineren Unternehmen gar keine Personalabteilung haben. Wer sich da im rechten Moment im Dunstkreis vom Team- oder Abteilungsleitern bewegt oder einfach nur jemand in der Firma kennt, kann allein schon dadurch in die engere Auswahl gelangen und zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden.

          „Sie müssen sich ins Gespräch bringen, bevor ein Bewerbungsprozess überhaupt sichtbar geworden ist“, sagt Leitner. „Sie müssen schon an Ort und Stelle sein, ehe die neue Arbeitsstelle überhaupt aus der Taufe gehoben wurde.“ Das klingt verrückt, ist es aber nicht. Denn nicht nur in mittelständischen Unternehmen werden berufliche und private Netzwerke bei der Überbrückung personeller Engpässe aktiv genutzt. Auch bei einem Großunternehmen wie der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens, der Fraport AG, mit mehr als 25.000 Mitarbeitern ist dies gang und gäbe.

          „VitaminB ist ein Türöffner, nicht mehr und nicht weniger“

          Jürgen Jäckel ist dort Leiter Personalservice Konzern. Und er hat kein Problem damit, sich zu „grauen Bewerbungen“ als einer wichtigen Quelle bei der Personalgewinnung zu bekennen. „Aufgrund des Betriebsverfassungsgesetzes müssen wir ja jede freie Stelle intern ausschreiben“, sagt Jäckel. „Die stehen dann im Intranet und im Schaukasten an der Kantine. Regelmäßig klopfen daraufhin Mitarbeiter bei mir an, die einen kennen, der sich gern auf eine solche Position bewerben würde.“ Jäckel sieht solche Mund-zu-Mund-Propaganda grundsätzlich positiv. „Mitarbeiter sind wunderbare Multiplikatoren“, sagt er, schränkt aber ein: „Sofern der Kandidat passt und die entsprechende Fach- und Sozialkompetenz mitbringt. VitaminB ist ein Türöffner, nicht mehr und nicht weniger.“

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