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Südafrika : Stellensuche auf Giraffenart

Im südafrikanischen Johannesburg protestieren Bürger gegen die Arbeitslosigkeit. Bild: AFP

In Südafrika floriert die Arbeitsvermittlung per Handy. Kein Wunder: Fast die Hälfte der jungen Menschen ist arbeitslos. Doch die weite Verbreitung internetfähiger Telefone eröffnet ihnen neue Möglichkeiten.

          Das Bild hat sich Autofahrern in Johannesburgs Geschäftsviertel Sandton eingeprägt. Da stand im vergangenen Jahr ein ordentlich gekleideter junger Mann an einer großen Straßenkreuzung und bettelte. Tankiso Motaung wollte kein Geld. Er wollte einen Arbeitsplatz: „Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Elektroingenieurwesen, bitte hilf“, hatte Motaung auf einen Pappkarton geschrieben.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Südafrika leidet unter chronisch hoher Arbeitslosigkeit. Offiziell liegt die Quote bei 25 Prozent, aber unter jungen Menschen sucht ungefähr jeder Zweite nach einer Arbeit. Die Verzweiflungsaktion von Motaung sorgte für viel Aufsehen, denn sie zeigte, dass selbst gut ausgebildete schwarze Südafrikaner der Jobmisere nicht entkommen. Seit dem Ende der Rassentrennung werden sie auf dem Arbeitsmarkt gegenüber weißen Bewerbern bevorzugt.

          Ideen, wie mehr Menschen in Arbeit gebracht werden können, gibt es auch in Südafrika viele. Für Furore sorgen gerade vier Johannesburger Unternehmer mit einer für den Kontinent maßgeschneiderten Idee: der Arbeitsvermittlung über das Handy. Auf einem Start-up-Gipfeltreffen in der Schweiz setzte sich ihr Unternehmen Giraffe gegen 63 Konkurrenten aus 55 Ländern durch und sicherte sich eine Starthilfe von 500.000 Dollar. Jetzt ist sogar das Silicon Valley auf die Südafrikaner mit dem tierischen Unternehmensnamen aufmerksam geworden. Wie Giraffe vor kurzem mitteilte, will die Wagniskapitalgesellschaft Omidyar Network einsteigen. Hinter ihr steckt der einstige Ebay-Gründer und wohltätig engagierte Milliardär Pierre Omidyar.

          Vorreiter in den Schwellenländern

          Handy-Apps, die Arbeitssuchende und Arbeitgeber nach dem Muster von Kennenlern-Diensten wie Tinder zusammenbringen, gibt es auch international. Die Giraffe-Gründer jedoch gehören zu den Vorreitern in Schwellenländern, wo Mobiltelefone für die von Infrastrukturproblemen geplagte Bevölkerung häufig die erste Wahl sind, um überhaupt in Datennetze einzusteigen. „Wir wollen vor allem Menschen mit geringen und mittleren Qualifikationen zum Sprung auf den Arbeitsmarkt verhelfen“, sagt Giraffe-Gründer und Vorstandschef Anish Shivdasani. Angeblich tut sich diese Gruppe besonders schwer, auf sich aufmerksam zu machen und Zugang zu Arbeitsplätzen zu bekommen. „Die wenigsten in dieser Gruppe haben einen Computer oder eine schnelle Internetverbindung, aber ein Handy besitzt wirklich jeder.“

          Tatsächlich haben sich Mobiltelefone auf dem afrikanischen Kontinent rasant verbreitet. Schon vor der Smartphone-Ära gab es zum Beispiel in Südafrika einen äußerst beliebten Kurznachrichtendienst, einen Vorreiter von Whatsapp. Heute bestimmen den Markt günstige Einsteiger-Smartphones und Multimedia-Telefone - eine Zwischenform zwischen Smartphone und einfachem Handy. Der Handel mit Telefonen aus zweiter Hand floriert.

          Nach einer Studie von Boston Consulting nutzen in Kenia 68 Prozent der Erwachsenen das Handy für Banküberweisungen, in Südafrika etwa 30 Prozent. Dort ist auch das Bezahlen per App fast schon gang und gäbe; mehr als 20.000 Händler hat der Marktführer Snapscan unter Vertrag. Selbst die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen tragen auf ihren Westen einen zweidimensionalen schwarzweißen QR-Code, den der Zeitungskäufer mit der Telefonkamera scannen kann, um so zu bezahlen.

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