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Gezielte Karriereauszeit : Mach dich rar, und du bist der Star

Hat sich rar gemacht - und ist danach die Karriereleiter nach oben gestiegen: Fußballtrainer Thomas Tuchel Bild: dpa

Das schillerndste Beispiel heißt Thomas Tuchel. Der Fußballtrainer pausierte ein Jahr und bekam anschließend einen der begehrtesten Jobs seiner Branche. Doch wann und wie lässt sich eine gezielte Auszeit für die Karriere nutzen?

          Unter Teenagern gilt schon lange das Motto: Mach dich rar, und du bist der Star. Denn wer sich geschickt zurücknehmen kann, landet viel eher auf der Gästeliste entscheidender Partys als die Meister des gepflegten Anbiederns. Und bei der Partnerwahl ist dauerhaftes Nervtöten ohnehin der sicherste Weg, sich die Gunst der angebeteten Person auf ewig zu verwehren. Im Profifußball kommen gezielte Auszeiten unter Führungskräften derzeit ebenfalls in Mode. Während die Uhr der Spieler unerbittlich tickt und ein Profi bis Mitte dreißig die finanzielle Grundlage für das Leben ohne Ball gelegt haben muss, gönnen sich gerade jüngere Trainer auch mal einen befristeten Rückzug aus der ersten Reihe, um die Akkus aufzuladen. Das schillerndste Beispiel heißt Thomas Tuchel, der vor einem Jahr zu seinem Abschied vom Bundesligisten Mainz 05 angekündigt hatte, er wolle ein Jahr pausieren. Gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ beschrieb er das Gefühl, das ihn nach jahrelanger Arbeit unter Hochspannung beschlichen und zu der Entscheidung getrieben habe: „Lass es uns beenden, solange es noch so gut ist.“

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          Sein bis Sommer 2015 laufender Vertrag mit Mainz ruhte seitdem. Gehalt bezog Tuchel in dieser Zeit keines, wechseln durfte er auch nicht einfach. Der Fußballlehrer zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. „Ich habe nach kurzer Zeit gemerkt, dass ich loslassen kann“, schilderte er seine Erfahrung. Seine Popularität ging unterdessen durch die Decke. Seit Herbst wurde er bei nahezu jedem Trainerwechsel als möglicher Kandidat gehandelt. Kein Job schien mehr zu hoch für den 41 Jahre alten Schwaben, obwohl seine beruflichen Erfolge bislang zwar beachtlich, aber nicht herausragend sind.

          Schließlich spülte ihn die berufliche Pause direkt auf den Trainerstuhl von Borussia Dortmund, nach den Bayern wohl der begehrteste Arbeitgeber der Liga. Dort wird er in den kommenden Tagen seinen Dienst antreten - nachdem sein Vorgänger Jürgen Klopp an diesem Wochenende seinen letzten Arbeitstag beim DFB-Pokalfinale in Berlin hinter sich gebracht hat. Klopp, der nach offizieller Darstellung ebenfalls selbst seinen Rückzug eingeleitet hat, scheint sich an seinem Nachfolger ein Beispiel nehmen zu wollen: Medienberichten zufolge will auch der schwarzgelbe Kulttrainer mindestens ein halbes Jahr Pause machen, bevor er einen neuen Verein trainiert. Obwohl er schon als Kandidat von Spitzenklubs in halb Europa gehandelt wird. Unter anderem bei Real Madrid, dessen entlassener Trainer Carlo Ancelotti ebenfalls ein Sabbatjahr angekündigt hat.

          Wenige Spitzenposten - viele Kandidaten

          Sich eine Auszeit nehmen, Abstand gewinnen, bereit sein für neue Aufgaben: Das klingt logisch und einfach, fast schon wie eine Binsenweisheit aus der Managementtheorie - die aber leider vom beruflichen Alltag auch weit weg zu sein scheint. Abwarten und zusehen, wie der Marktwert ständig steigt, das funktioniere vielleicht auf engen Personalmärkten wie dem für hoch talentierte Fußballtrainer, sagt Joachim Sauer, Präsident des Bundesverbandes der Personalmanager. Für die meisten Manager sei dies aber keine verlockende Option, da im Zweifel ganz andere Regeln gälten. „Je länger man raus ist, desto größer wird die Gefahr der Dequalifizierung“, sagt Sauer. Deshalb habe übrigens auch Fußballtrainer Tuchel einen Teil seiner neu gewonnenen Freizeit dazu genutzt, sich mit Videoanalysen und Fachgesprächen im Kollegenkreis weiterzubilden. Außerdem sei es für Sportprofis wie für Spitzenmanager ratsam, den Kontakt zu den Medien nicht ganz zu verlieren.

          Sauer glaubt aus vielen vertraulichen Gesprächen zu wissen, dass Manager die Angst umtreibt, nach einer freiwilligen Pause keine attraktiven Posten mehr angeboten zu bekommen. Zumal in Deutschland die Neigung ohnehin ausgeprägt sei, die Lage etwas schlimmer zu sehen, als sie wirklich ist, findet der Personalfachmann. Allerdings müsse man sich auch klarmachen, dass die Zahl der wirklichen Spitzenpositionen in der ersten Reihe naturgemäß überschaubar sei, die Zahl der Kandidaten aber vergleichsweise hoch.

          Dennoch gibt es immer wieder Führungskräfte, die sich selbst eine Pause verordnen und das Risiko eingehen. Erst vor wenigen Tagen gab Torsten Oletzky bekannt, dass er nach 16 Jahren in Diensten der Ergo-Versicherungsgruppe zum Jahresende als Vorstandsvorsitzender ausscheiden wird. „Langfristige Zukunftspläne habe ich bewusst keine gemacht“, schrieb der 48-Jährige an die Mitarbeiter. Er sei sich nur sicher, dass er sich erst einmal deutlich mehr Zeit für das Private nehmen werde, das zuvor manchmal zu kurz gekommen sei. „Was dann kommt, werden wir sehen“, formulierte Oletzky, der auch die Skandale um Vergnügungsreisen in einem der Ergo-Vorgängerunternehmen managen musste.

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