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Gewalt im Büro : Wenn Mitarbeiter ausrasten

„Alle haben ein bisschen was gewusst“

Meist gibt es für die Kollegen Anzeichen, die aber nicht erkannt oder richtig gedeutet werden. „Wenn sich hinterher die Kollegen, der Vorgesetzte oder der Personalmanager zusammensetzen, stellt sich oft heraus: Alle haben ein bisschen was gewusst, aber niemand hat alles gewusst“, bringt Müller die Erfahrungen in solchen Fällen auf den Punkt. Um Gewaltausbrüche zu verhindern, müsse der Informationsaustausch früher stattfinden.

Solche Strukturen in Unternehmen zu schaffen ist Aufgabe des Psychologen Hoffmann. Bis vor kurzem hatte er mit seinem Beruf keinen leichten Stand: Das Thema war ein Tabu. Die meisten Unternehmen wollten sich mit Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz nicht beschäftigen. Wo das nötig sei, gebe es ein Problem, hieß es. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Risiko eines Amoklaufs oder anderer gewalttätiger Übergriffe sinkt, wenn es Frühwarnsysteme gibt. Findet heute ein Amoklauf in einem Unternehmen statt, taucht schnell die Frage auf, ob die Verantwortlichen hinreichend Vorsorge getroffen haben, um das zu verhindern. Die Deutsche Telekom war der erste Dax-Wert, der ein Bedrohungs-Management eingerichtet hat.

Hoffmann vermittelt seinen Klienten, wie man das konkrete Risiko bestimmter Personen einschätzen kann. „Es gibt keine Checklisten, die den sicheren Schluss zulassen, dass eine Gefahr droht“, sagt er. Doch es gibt bestimmte Verhaltensmuster, die Mitarbeiter, wenn sie eine Gewalttat planen, typischerweise an den Tag legen. Nach einer Studie von Hoffmann und einer Kollegin sprach der Hälfte der späteren Täter ihre Drohungen gegenüber einem Kollegen oder Vorgesetzten konkret aus, ein Viertel kündigte den Gewaltakt im beruflichen Umfeld an. Manche Täter in Betrieben hätten sogar Abschiedsbriefe oder ihr Testament geschrieben. Zu weiteren Warnsignalen zählen die Fixierung auf eine bestimmte Person, die Äußerung von Rachegelüsten sowie Zeichen von Verzweiflung und Depressionen, Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche.

Ein „positives Klima“ ist wichtig

Mit der Überwachung von Mitarbeitern habe die Einrichtung eines Bedrohungsmanagements nichts zu tun, versichert Hoffmann. Es stützt sich vielmehr auf Ansprechpartner, an die sich Mitarbeiter wenden können, die sich Sorgen um einen Kollegen oder um sich selbst machen. Verschiedene Bereiche im Unternehmen müssten sich dazu vernetzen, Angestellte mit Personalverantwortung spielen zudem eine zentrale Rolle. Auch die Gefahr, dass durch falsche Verdächtigungen unliebsame Konkurrenten ausgeschaltet werden, bestreitet Hoffmann. „Es wird ja nicht jeder Verdacht für bare Münze genommen, sondern ist nur ein erster Anhaltspunkt, dann folgen weitere Untersuchungen“, sagt er.

Für den Kriminalpsychologen Rudolf Egg kommt es bei der Prävention von Gewalttaten am Arbeitsplatz darauf an, dass im Unternehmen ein „positives Klima“ herrscht. „Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass in einer Krisensituation jemand für sie da ist, werden sie in der Regel nicht gewalttätig gegen Kollegen oder Vorgesetzte.“ Das ist aus Eggs Sicht nicht nur eine Aufgabe von Spezialisten, sondern für alle Mitarbeiter.

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