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Gewalt im Büro : Wenn Mitarbeiter ausrasten

Die Auslöser sind manchmal klein

Das Gefühl, im Büro ungerecht behandelt worden zu sein, ist ein typischer Auslöser. Das kann etwa dadurch hervorgerufen werden, dass ein Mitarbeiter keine Gehaltserhöhung bekommt, aber erfährt, dass die Vorstände großzügige Boni erhalten. Oder dass ein Kollege befördert wird, obwohl er sich doch viel weniger für ein Projekt aufgerieben hat. Es kann sich auch um ganz banale Dinge handeln, die einem Menschen das Gefühl geben, alle hätten sich gegen ihn verschworen: eine kaputte Kaffeemaschine, ein schlecht gelaunter Kunde. Es kommt nicht immer darauf an, ob tatsächlich ein Unrecht geschehen ist.

Besonders anfällig für das Gefühl, Opfer von Willkür oder Ungerechtigkeit zu werden, sind nach Angaben von Fachleuten Menschen, die psychisch labil sind oder krankhafte Persönlichkeitsstrukturen aufweisen. So soll die ehemalige Mitarbeiterin des Hamburger Reisebüros an einer Psychose gelitten haben, wie ein gerichtlicher Gutachter attestierte. Sie glaubte bei ihrer damaligen Bluttat, sie handle in Notwehr, als sie die Chefin niederstach.

Bei paranoiden Psychotikern ist die Wahrscheinlichkeit, gewalttätig zu werden, zwar erhöht. Doch Studienautor Hoffmann warnt davor, Psychotiker allgemein als potentiell gefährlich einzustufen. Die meisten von ihnen würden ihr Leben lang nicht gewalttätig werden. Unabhängig von einer Krankheit spitzt sich die Lage dann zu, wenn die empfundene Ungerechtigkeit das Fühlen und Handeln dominiert - und sich ein unbändiges Gefühl von Ungerechtigkeit breitmacht. Eine Gewalttat erscheint für manche Mitarbeiter dann als einzige Lösung. Und mit zunehmender Hoffnungslosigkeit werden die Überlegungen für eine Gewalttat immer konkreter.

„Vielfach zu wenig Wertschätzung“

Aus Sicht von Thomas Müller, einem österreichischen Kriminalpsychologen und Fall-Analytiker, liegt ein Teil der Verantwortung für destruktives Verhalten bei den Unternehmen. „Vielfach bekommen die Mitarbeiter zu wenig Wertschätzung von ihrem Arbeitgeber“, sagt er. Dadurch nimmt die Identifikation mit dem Unternehmen immer mehr ab. Es werde insgesamt zu wenig auf den Einzelnen eingegangen, bemängelt Müller und erzählt von einem typischen Frustrationserlebnis für einen Mitarbeiter: „Auf seinem Schreibtisch standen immer ein kleiner Kaktus und ein Bild seiner Kinder; plötzlich sind diese persönlichen Sachen weg, ohne Ankündigung und ohne Erklärung. Schließlich erfährt der Mann, dass er in ein neues Büro umziehen muss.“ Die Kombination aus geringer Wertschätzung und missglückter Kommunikation nennt Müller eine „giftige Mixtur“.

Psychologen unterscheiden im menschlichen Verhalten zwei Arten von Aggressivität: Im Zustand „heißer Aggressivität“ agiert der Mensch ausschließlich emotional, kann nicht mehr klar denken. Er schreit den Kollegen an, tritt gegen eine Tür. Die typischen Techniken zur Deeskalation der Situation reichen meist aus, um die Lage zu entspannen: Einfache Fragen stellen, das Gefühl von Bedrohung wegnehmen, meistens beruhigt sich die Person nach zwei oder drei Minuten.

Gefährlicher für das Umfeld ist dagegen die „kalte Aggressivität“. Denn sie ist von außen nicht oder kaum zu erkennen: Der Mensch wirkt auf den ersten Blick ruhig und konzentriert, die Emotionen scheinen ausgeschaltet. Die meisten Fälle von schwerer Gewalt am Arbeitsplatz, etwa Amokläufe, werden nach Erfahrung von Psychologen im Zustand „kalter Aggressivität“ begangen. Die Gewalttat wird in den meisten Fällen akribisch vorbereitet, oft Monate oder Jahre im Voraus.

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